Die Traummeister – Rezension

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Rezension von Friedrich Gerlach

Manche Fantasy-Autoren tun sich am Anfang ihrer Bücher schwer, den Leser in ihre Welten jenseits der Realität zu entführen. Da benötigen sie schon einmal 50 bis 100 Buchseiten, ehe sich Orientierung einstellt und so etwas wie Spannung aufkommt. Autor Jo Zybell kennt dieses Problem nicht. Auch mit seinem zweiten, jetzt bei Hoffmann und Campe veröffentlichten Fantasy-Roman ‘Die Traummeister’ gelingt es dem 57-jährigen Schriftsteller aus dem Südschwarzwald, seine Leser ohne große Umschweife in eine ebenso phantastische wie faszinierende Realität neben unserer Welt zu ziehen und für eine lange Zeit darin fest zu halten.
Diesen sofortigen Griff nach dem Leserinteresse hat Zybell sicher bei seiner Tätigkeit als Autor der Heftroman-Serien ‘Maddrax’ gelernt. Für den Serienerfolg des Bastei-Lübbe-Verlags hat Zybell die ersten und wichtigsten Romane geschrieben, und er ist immer noch mit großem Spaß dabei. ‘Die Traummeister’ ist aber wie ‘Die Tochter der Goldzeit’, Zybells erster großer Fantasy-Band bei Hoffmann und Campe aus 2010, beileibe kein Heftroman.
Vielmehr erwartet den Leser eine komplexe, bis in die Einzelheiten ausgearbeitete Fantasy-Welt mit fesselnder Handlung und einer Schar sehenswerter Hauptfiguren. Dazu kommt ein überall präsenter Schöpfungsmythos, dessen geheimnisvoller Schleier nicht gelüftet wird, was der Geschichte gut tut. Zybells Welt ist vor Jahrtausenden von einem fallenden ‘Stern’ zerstört worden. Die Menschen haben die Katastrophe zunächst in Katakomben überlebt, ehe sie ihre Zivilisation teilweise wieder aufbauen konnten. Ob der ‘Stern’ auch die zahlreichen Völker der Zaoten auf die Erde gebracht hat, ist nicht ohne weiteres klar. Sie könnten auch durch magische Portale aus anderen Welten eingewandert sein.
Ihre Herkunft ist am Ende auch nicht entscheidend: Zu den Zaoten gehören die Luxinen, ein elfenhaftes Völkchen, das die Elementarkräfte von Luft, Wasser, Feuer und Erde beherrscht, ansonsten aber friedlich und eher etwas weltfremd gerne Lieder von Liebeszauber und Liebeslust singt. Auf einer Insel vor der Menschenküste und hinter einer Nebelwand leben die Luxinen, die auch ‘Unsterbliche’ genannt werden, unbehelligt, bis sie von grauenvollen Gestalten mit rotgoldener Haut überfallen und einige Luxinen verschleppt werden.
Einer der Entführten ist der Vater der jungen Algyra. Die Wasserluxine macht sich im Vertrauen auf ihre Fähigkeiten auf, um ihren Vater zu retten und das Schicksal der übrigen Entführten aufzuklären, zu denen auch ihr aktueller Liebhaber gehört. Mit Algyra lernt der Leser die Schönheiten und Schrecken der ‘Traummeister’-Welt kennen. Bei dieser Magier genannten geheimnisumwitterten Gruppe handelt es sich um Menschen, die hehre Ziele zu verfolgen scheinen und sich dabei aber der rotgoldenen Monster bedienen.
Sie gehen zudem ein zweifelhaftes Bündnis mit dem machtgierigen und grausamen Zwerg Ac’man ein, der die Menschen seines Reiches mit brutaler Gewalt unterdrückt. Seine Helfershelfer stellt Ac’man mit ‘Rauschpilzen’ ruhig, seine Gegner verfüttert er bei Gelegenheit an die Krokodile. Algyra muss sich auf ihrem Weg durch die ihr völlig ungewohnte Welt der Menschen, die wegen ihrer Sterblichkeit ‘Flüchtige’ genannt werden, einer Vielzahl von Angriffen sowohl der Traummeister als auch des fiesen Zwergs erwehren. Dabei merkt sie schnell, dass ihre Elementarkräfte nicht immer Überlegenheit garantieren.
Und ihre vermeintlichen Gefährten sind auch nicht immer die Freunde, auf die man sich verlassen kann. Bei Zybell ist die Grenze zwischen Gut und Böse nicht wie mit einem Lineal gezogen, auch wenn es mitunter den Anschein hat. Seine Figuren sind auf den zweiten Blick durchaus gebrochen, von ihren Idealen fehlgeleitet oder – wie selbst der despotische Zwerg – von Gespenstern der Vergangenheit getrieben.
Unterstützt von einer sehr detailreichen, den jeweiligen Romansituationen angepassten Sprache entwirft Jo Zybell vor den Augen seiner Leser ein äußerst vielschichtiges Panorama einer Welt voller Wunder und Abenteuer, in der nicht nur gesungen und geliebt, sondern auch geblutet und gestorben wird. Am Ende ist Algyra zu einem letzten Opfer bereit. Fantasy-Freunde werden von Jo Zybells ‘Traummeistern’ mit Sicherheit nicht enttäuscht.
Wie schon mit ‘Tochter der Goldzeit’ bietet er lange anhaltenden Lesespaß, den Fans sich auf jeden Fall gönnen sollten. “Bei allen Oberdeubeln”, wie Zybells Helden gerne sagen, es lohnt sich.

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