Tom Percival (Leseprobe)

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aus: „Das Geheimnis von St. Joseph“

Seine fleischigen Finger flogen über die Tastatur.

Hier der zweite Teil der Story über den Kinderschänder von
Walworth. Komme um 10.00 Uhr zur Redaktionssitzung. Viel Spaß.
T.P.

Ein Mausklick, und die E-Mail-Adresse der Redaktion erschien in
der oberen Spalte des Fensters. Und noch einmal vier Klicks, und die
Datei mit der Story war als Anlage angefügt. “Weg mit dem Mist”,
murmelte Percival und schickte die E-Mail auf ihren rätselhaften Weg
ins Netz.
Er schaltete den Computer aus und streckte sich. Sein Blick fiel auf
das Foto neben seinem Monitor. Das Schwarzweiß-Portrait einer
jungen, blonden Frau in dunkelrotem Lederrahmen. Über die rechte
Ecke gekritzelt eine handschriftliche Widmung: In Love, Suzanne…
Unter Hunderten von Fotos, die er in den Jahren mit ihr
geschossen hatte, hatte er dieses ausgesucht. Wegen der Widmung.
Und wegen des mädchenhaften Lächelns. So wollte er sie in
Erinnerung behalten.
Vor dem Fenster seines Arbeitszimmers war es schon hell. Tom
Percival war früh aufgestanden an diesem Tag. War es halbfünf
gewesen? Oder erst vier? Er hatte verdammt schlecht geschlafen. Ein
Albtraum hatte ihn geweckt.
Percival stieß sich mit den Beinen ab. Sein Bürosessel rollte vom
Schreibtisch weg. Percival stand auf. Geräusche auf der Straße vor
dem Haus. Das Fahrrad des Zeitungsjungen. Dann Schritte und das
Klappern des Briefkastendeckels.
Der massige Mann schaukelte durch sein weitläufiges
Arbeitszimmer, durchquerte sein kleines Schlafzimmer und ging in
seine Küche. Ein runder Tisch in der Mitte, stabile Stahlrohrstühle mit
geflochtener Sitzfläche, schlichte Hängeschränke – Buchenfurnier –
ein großer, blauer Kühlschrank und eine Spüle, auf der sich Geschirr
von drei Tagen stapelte.
Er griff nach einer der Flaschen auf dem Kühlschrank. Schottischer
Malt-Whisky. Den hast du dir verdient, Tommy…
Bestialisch, hatte er den Artikel überschrieben. Nicht dass die
Recherchen schwieriger gewesen wären, als die zu anderen Storys.
Nur ekelhafter. Gestern war er dabei gewesen, als sie zwei
aufgeschlitzte Kinderleichen unter der Garage des Verdächtigen
ausgegraben hatten. War ihm mächtig unter die Haut gegangen.
Aber davon abgesehen gönnte er sich nach jeder
abgeschlossenen Arbeit einen Drink. Und meistens auch
zwischendurch.
Er schlürfte seinen Whisky. Der verdammte Traum spuckte noch in
seinen Hirnwindungen herum. Das widerliche Gefühl des bodenlosen
Fallens …
Percival zündete sich eine Filterlose an. Mit der Zigarette zwischen
den Lippen füllte er Wasser in die Kaffeemaschine und löffelte
Kaffeepulver in den verdreckten Filter. Wieder Schritte draußen vor
der Haustür. Glas klapperte gegen Stein. Der Milchmann.
Er blies den Rauch gegen die Decke. Die Kaffeemaschine
brodelte. Kaffeeduft breitete sich in der Küche aus. Percival leerte das
Whiskyglas. Verfluchter Traum…
Sein Blick fiel auf den Kalender neben der Tür zum Schlafzimmer.
11.Juni. Unter dem Datum ein Spruch: Realität ist die Illusion, die man
hat, wenn man nüchtern ist. Ein irisches Sprichwort. Percival grinste
und leerte sein Glas.
Seit zwei Tagen hatte er kein Blatt mehr vom Kalender abgerissen.
Das heutige Datum lag ihm schon seit zwei Wochen wie ein Stein im
Brustkorb. Er ging zum Kalender und riss zwei Blätter ab. 13. Juni.
Suzannes Geburtstag. Darunter der Spruch zum Tag: Man sieht nur,
was man weiß. Friedrich Nietzsche.
“Blödsinn”, murmelte Percival. Aber dann drängte sich wieder der
verdammte Albtraum in sein Bewusstsein. Er hatte den Aufzug eines
Bürogebäudes bestiegen, wollte nach oben fahren, zum Büro einer
Versicherung – genau: Eine Lebensversicherung wollte er
abschließen! Er sah den blanken Edelstahlboden des Aufzug, und
kaum hatte er seinen Fuß auf ihn gesetzt, riss er durch, wie Alufolie.
Percival stürzte in bodenlose Tiefen …
“Ich hab einen Edelstahlboden gesehen”, murmelte er. Man sieht
nur, was man weiß …
Er schüttelte sich, schaukelte in sein Arbeitszimmer und legte eine
Scheibe in den CD-Player. Zurück in die Küche, Zigarette ausdrücken,
Tasse aus dem Schrank, mit dampfender, brauner Brühe füllen. Er
holte die Milchflasche von der Vortreppe und ließ einen Schuss
daraus in die Kaffeetasse schwappen. Dann zwei Teelöffel Zucker
hinein. Zum Kaffee die nächste Zigarette.
Aus den beiden Boxen links und rechts der Tür strömte
Beethovens Sechste Sinfonie in die Küche. Damals, bevor die Sache
mit Suzanne passierte, hatte er auch solche bescheuerten Träume
gehabt. Und in den Wochen, bevor sie ihn endgültig aus dem Amt
gefeuert hatten genauso.
Lange her. Percival schlürfte seinen Kaffee. Die Musik
verscheuchte die trüben Gedanken. Er krempelte die Ärmel hoch und
ließ Wasser in die Spüle laufen. Innerhalb von einer halben Stunde
hatte er den Abwasch bewältigt und die Küche auf Hochglanz
gebracht.
Danach stieg er unter die Dusche. Der eiskalte Wasserstrahl
belebte seinen Kreislauf und seinen müden Schädel. Er trocknete sich
ab und stieg auf die Waage – 220 Pfund. Zuviel für einen Mann von
190 Zentimeter Körpergröße. Doch immerhin zwei Pfund weniger, als
letzte Woche.
Aus dem Spiegel blickte ihm das breite Gesicht eines
Gemütsmenschen entgegen: Wulstige Lippen, rundes Kinn, kleine
Stupsnase, hohe gewölbte Stirn, dicke Augenlider, unter denen
schmale, graue Augen hellwach in die Welt guckten.
Und dann das schelmische Grinsen um Mund und Augen.
Angeblich hatte dieses Lächeln schon die Hebamme im Kreissaal in
helles Entzücken versetzt. Und Percival glaubte die Legende, die ihm
seine Mutter nicht oft genug erzählen konnte: Selbst wenn er sich mal
wieder die Kugel geben wollte, wich dieses Grinsen nicht aus seiner
Visage.
Eine dichte Matte aus krausen, drahtigen Locken bedeckte seinen
Quadratschädel. Einzelne, silberne Fäden durchzogen das schwarze
Haar, und auch sonst sah Percival in der Regel so alt aus, wie er war:
Zweiundvierzig.
Er stieg in seine schwarzen Cordhosen, schlüpfte in ein schwarzes
T-Shirt und zog sein graues Sakko über. Prüfend klopfte er die
Taschen ab – Zigaretten, Feuerzeug, Notizbuch, Stift, Diktiergerät,
das Kreuz, Handy, alles da. Ohne Frühstück verließ er das Haus. Er
sollte es bereuen.
(…)
Aus dem Briefkasten zog Percival seine drei Zeitungen: THE
TIMES, den DAILY STAR, und das Blatt seiner eigenen Firma: THE
SUN. Dann die Artillery Row hinunter. Percival hatte seinen Wagen
am Abend zuvor in der Redaktion stehen lassen. Er war nicht mehr
ganz nüchtern gewesen.
Vorbei an Häuserzeilen aus dunklem Klinker mit schwarzen,
eisernen Balkongittern und kleinen, eingezäunten Vorgärten, von
denen einige an zu groß geratene Gräber erinnerten. Die Artillery Row
war durchaus zu verwechseln mit anderen Straßen hier in Spitalfield
oder in King’s Cross. Georgian Stil nannten die Architekten diese
steingewordene Langeweile. Percival liebte sie.
Es war kurz nach acht als er den Bishopsgate erreichte. Rasselnde
Blechlawinen schoben sich über die vierspurige Straße nach Norden
und Süden. Menschenmassen drängten sich an den
Fußgängerüberwegen unter den Ampeln. Menschenmassen strömten
auf der Liverpool Street die Treppe zur Underground hinunter.
Eine Frau mit einem Kinderwagen fiel ihm auf. Eine blonde Frau,
nicht älter als dreißig. Sie trug Jeans und ein helles Jackett. „Warten
Sie, Ma’am – ich fass mit an.”
Er packte den Sportwagen vorn am Fußbrett und trug ihn
gemeinsam mit der Frau die Treppe hinunter. Das knapp zweijährige
Kerlchen musterte staunend sein Gesicht. Percival interessierte sich
mehr für die Mutter – ein süßes Weib …
Die Frau bedankte sich, schenkte ihm ein freundliches Lächeln und
tauchte in der Menschenmenge am Bahnsteig unter. Percival stellte
sich im hinteren Bereich des Bahnsteigs auf. Ein Blick auf das digitale
Hinweisschild – King’s Cross, 8.16 Uhr. Nur noch ein paar Minuten.
Glück gehabt. In der Gegend des King’s Cross lag das Wettbüro. Dort
wollte er noch vorbeischauen, bevor er in die Redaktion ging.
Seine Augen wanderten über die schweigend wartende Menge.
Dicht gedrängt stand sie an der Bahnsteigkante. Wie der
Heringsschwarm vor dem Haifischmaul. Ganz vorne, etwa zehn
Schritte entfernt entdeckte er die blonde Mummy. Sie schnitt ihrem
Balg Grimassen. Ein süßes Weib, wirklich wahr! Den Kleinen im
Kinderwagen konnte Percival wegen der Menschenmenge nicht
sehen. Aber er hörte ihn krähen.
Hinter ihm ein melodiöses Summen. Percival blickte sich um:
Zwischen Papierkorb und Bank lehnte ein Bettler gegen die Wand.
Sonnenbrille, schwarze Baseballkappe über grauem Haar und in
einen schmierigen Trenchcoat gehüllt. Ein Paar Krücken lag neben
seinen ausgestreckten Beinen. Er blies God save the Queen auf
einem mit Pergamentpapier bedecktem Kamm.
Ein Obdachloser oder ein Schwerbeschädigter – weiß der Teufel,
jedenfalls tut er was für seinen Lebensunterhalt … Percival kramte ein
Zwanzig-Pence-Stück aus der Hosentasche und warf es in die leere
Zigarrenschachtel des Mannes. Der schien es nicht mal zur Kenntnis
zu nehmen.
Percival entfaltete den DAILY STAR. Mal sehen, was die
Konkurrenz gedichtet hatte. Auf dem Titelbild eine nackte Nymphe in
einem Korbsessel: Schwarzhaarig, gespreizte Beine,
Schlafzimmerblick, Brüste wie Wassermelonen. Natürlich in Farbe.
Böse Zungen behaupteten, den Lesern der SUN sei es egal, wer
dieses Scheißland regiere, solange die Frau auf der Titelseite nur
große Titten hatte. Und den Lesern des DAILY STAR sei es erst recht
egal, wer dieses Scheißland regiert, solange ihre Titten noch größer
und in Farbe waren.
Percival schlug die Seite mit dem Horoskop auf. Widder: Keine
Experimente heute! Sie gehen auf dünnem Eis! Aber trösten Sie sich:
Was uns nicht unmittelbar umbringt, macht uns stärker…
Sein Albtraum fiel ihm wieder ein. Ich hätt’ mich mit dem Whisky ins
Bett verkriechen sollen… Er blätterte den Sportteil auf. Die
Pferderennen in Ascot standen vor der Tür. Er studierte die Namen
der Pferde, die im Rennen um den Gold Cup an den Start gehen
sollten. Beiläufig registrierte er, dass das Summen hinter ihm
aufgehört hatte. Und beiläufig, während des Umblätterns, sah er sich
um: Der Bettler war verschwunden.
Aus der Tunnelröhre schwoll das Rauschen des Zuges an. Percival
faltete die Zeitung zusammen. Ein Ruck ging durch die Menge. Die
blonde Mummy blickte nach links in die Richtung, aus welcher der Zug
sich näherte. Alles blickte nach links. Und drängte gleichzeitig an die
Bahnsteigkante heran. Percival hob den Kopf und schaute auf die
Digitalanzeige über dem Bahnsteig. Es war der Zug nach King’s
Cross. Sogar pünktlich. Na also…
Das Rauschen wurde lauter. Wie ein überdimensionale Pfeil
rutschte der Zug aus der Röhre. Ein Aufschrei ging durch die Menge.
Percival zuckte zusammen. Frauen kreischten, Männer brüllten,
Bremsen zischten, und über allem schwebte ein spitzer, hoher Schrei,
der kein Ende nehmen wollte. Percival hatte das Gefühl, Whisky und
Kaffee in seinem Magen würden zu einem Eisklumpen gefrieren. Die
Menge wogte hin und her wie Meeresbrandung, die gegen ein
Hindernis geprallt war …

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