Kalypto III (Leseprobe)

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„Kalypto – Die Magierin der Tausend Inseln“

Ein Schwarzvogel sang. Lasnic blieb stehen, legte den Kopf in den Nacken, entdeckte den Sänger über sich in der Birkenkrone. Der Vogel pfiff und tirilierte, als gälte es sein Leben. Sie lauschten – Lasnic und auf seiner linken Schulter Schrat. Der schnalzte, gurrte und schnurrte; beinahe andächtig klang das.

Von Glück und Liebeslust sang der Schwarzvogel dort oben im Birkenwipfel, so kam es Lasnic vor. Vom Leben sang er, von der Freiheit, vom wilden Flug über Wälder, Flüsse und Berge. Jedenfalls nicht von Unterwerfung und Krieg. Und er ließ sich nicht stören von dem Waldmann und seinem Kolk tief unter sich zwischen Haselnuss und Brombeerhecke.
Lasnic bog einen Zweig zur Seite, folgte weiter dem Pfad zur Lichtung. Schon roch er Menschen und Tiere. Auch Palaver, Flüche und Gelächter wehte warmer Südwestwind ihm entgegen. Und das Blöken von Elchen und Trompeten von Waldelefanten.
Der schöne Gesang des Schwarzvogels übertönte alles. Noch.
„Beim Großen Waldgeist, singe, kleiner Piepmatz“, murmelte Lasnic. „Singe, solange du noch singen kannst. Und ich gehe zur Großen Versammlung, solange ich noch gehen kann, wohin ich gehen will.“
Vielleicht der letzte Schwarzvogel, den Lasnic in seinem Leben zu hören bekam. Wusste man’s denn? Unergründlich, die Launen des Wolkengottes. Lasnic machte sich nichts vor: Die so lautstark seine Unterwerfung verlangten, wünschten heimlich seinen Tod. Ganz wehmütig stimmte der jubelnde Vogelgesang ihn auf einmal.
Er schlug tiefhängendes Laub aus dem Weg, Vorjahreslaub raschelte unter seinen Stiefeln, morsche Äste brachen. Er achtete nicht darauf, lautlos zur Lichtung zu gelangen. Dort und im Gemeinschaftshaus wussten sie sowieso, dass er kommen würde. Die Gefährten sorgten seit einem halben Mond dafür, dass die Nachricht von seiner bevorstehenden Unterwerfung sich verbreitete – den Stomm hinauf und hinunter und durch die Wälder und Sümpfe nach Süden, nach Norden, nach Osten.
Ja: Unterwerfung. Heute, am ersten Abend der Großen Versammlung sollte es geschehen.
Was hätte Vogler getan, sein Vater? Hätte er sein Versteck verlassen, um vor den Feinden niederzuknien? Lasnics linkes Auge zuckte.
Ein Schatten glitt links über ihm durchs Gehölz, schwarz, lautlos und pfeilschnell. Ein Habicht. Einen Wimpernschlag später ein Kreischen, ein jämmerliches Fiepen, eine Wimmern. Der Gesang des Schwarzvogels war verstummt. Lasnic stand wie festgewachsen und mit offenem Mund. Er lauschte.
Nichts mehr. Tot.
„Beim Arsch des Schartans …“
Ein Zeichen? Schrat quorkte mürrisch. Eine Warnung des Großen Waldgeistes? Der Waldmann verharrte, zögerte, blinzelte zum nahen Waldrand, wo er zwischen Bäumen und Sträuchern schon die ersten Waldleute und Reittiere erkennen konnte.
Das Gedicht des baldorischen Weißmantels fiel ihm ein. Dreh dich nicht um …, blick nicht zurück … Lasnic widerstand der Versuchung. Bloß nicht zum Birkenwipfel hinaufspähen, bloß nicht die kleinen, schwarzen Federn unter den Schnabelhieben des Habichts zerstieben sehen. Bloß das nicht!
„Verdammte Marderscheiße …“ Sein Auge zuckte, die Narbe darunter zuckte, er musste pissen.
Was hätte sein Vater gesagt? Unterwerfung – nichts für einen Waldmann, hätte er gesagt. Unterwerfung kommt nicht in Frage für einen Sohn Voglers.
Und eine tödliche Unterwerfung zehnmal nicht.
Er wollte weitergehen, konnte nicht. Der arme Schwarzvogel, verdammter Habicht! Er dachte an Ayrin und Belice.
Schrat legte den Kopf schräg, beäugte ihn, pickte an seinem Ohrläppchen herum, an seiner zuckenden Narbe. „Glotz nicht!“ Schrat pickte nach seiner Braue. Mit einer unwilligen Geste scheuchte Lasnic den Kolk von seiner Schulter. „Hör auf damit!“ Der Kolk schwang sich in die nächste Buchenkrone hinauf. Von dort schimpfte er auf den Waldmann herunter.
Unterwerfung, verdammte Marderscheiße.
Lasnic lauerte durchs Gehölz, lauschte zur Lichtung hin. Stimmengewirr, einzelne Rufe, Umrisse von Tieren und Menschen. Sie warteten auf ihn. Kauzer, Augustos, die Waldleute, seine Gefährten. Wer würde hier der Habicht sein, wer der Schwarzvogel? Sein Herz klopfte bis hinauf in seinen Kehlkopf, er wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab.
„Weiter“, sagte er zu sich selbst. „Los. Mach schon.“
Es ging nicht. Keinen Schritt wollten seine Füße mehr vorangehen. Das Gedicht. Lasnic griff in seinen Eulenfedermantel, zog ein Lederröllchen heraus. He, Waldmann, du … Er entrollte den zerlesenen Pergamentfetzen, hielt ihn sich vor die Augen, atmete tief durch, las den ersten Satz. He, Waldmann, du! Dreh dich nicht um! Hinter dir verbrennt dein Hausbaum … Verse in baldorischer Sprache. Der Weißmantel in Eldora hatte sie ihm zum Abschied geschenkt, der Wutdichter. Seinen Namen kannte Lasnic nur, weil er unter dem Gedicht stand. Elend langer Name.
„Halt nicht fest dein Leben …“ Lasnic las nun murmelnd. „Du, Waldmann, glaubst, etwas zu sein?“ Er rollte das Pergament zusammen, steckte es zurück in den Mantel. „Und nun wieg’ deine Lanze, Waldmann, wieg’ deinen Zorn, dein Lachen …“
Seine Füße gehorchten wieder, endlich. Er ging weiter, schneller als zuvor.
Lasnic konnte das Gedicht auswendig. Ayrin hatte es ihm ins Garonesische übersetzt und verstehen und sprechen gelehrt. Geliebte Ayrin. „Das Ei will nicht zerbrechen?“ Er kämpfte mit seiner brechenden Stimme. „Nie wird ein Greif ihm je entschlüpfen. Bewahr’ dein Leben …“ Lasnic stapfte auf die Lichtung zu, das Stimmengewirr schwoll an. Elche röhrten, ein Waldelefant trompetete. „Bewahr’ dein Leben, und du wirst es verlieren. Du, Waldmann, sieh nach vorn.“ Der alte Kolk landete wieder auf seiner Schulter. Lasnic ließ es geschehen.
Aus dem Unterholz schritt er hinein in die Lichtung, vorbei an gezäumten Elchen und gesattelten Waldelefanten. „Wirf es weg, und du gewinnst es. Und nun, und nun …“ Er schritt durch die Reihen der Waldleute und auf das Gemeinschaftshaus zu. Manche wichen seinem Blick aus, manche klopften ihm auf die Schultern und sprachen ihm Mut zu.
Auf dem Flachdach des Gemeinschaftshauses warteten sie. Die Magier. Kauzer verschränkte die dürren Ärmchen vor der Brust, als er ihn in der Menge entdeckte. Augustos stemmte die Fäuste in die Hüften. So lauerten sie auf ihn herab.
Lasnic solle sich ihrem Willen unterwerfen, hatten sie ihm ausrichten lassen. Er müsse sich ihrer Macht und ihren Kriegsplänen beugen, bedingungslos, müsse die Strafe annehmen, die sie wegen seiner Rebellion und seines Angriffs auf Kauzer über ihn verhängen würden. Nur so könne er seine kleine Familie retten, nur dann würden sie ihm das Leben schenken.
Sich das Leben schenken lassen? Von Kerlen aus Fleisch und Blut? Lasnic zog den Rotz hoch und spuckte aus. Nichts für einen Waldmann, nichts für Lasnic von Strömenholz.
Ganz still war es auf der Lichtung geworden. Als hätten Menschen und Tiere den Atem angehalten. Die Waldleute bildeten eine Gasse. Er schritt durch sie hindurch, ohne Eile und dennoch wie ein Mann, der ein Ziel hatte. Die beiden Magier dort oben auf dem Flachdach würdigte er keines Blickes. Sein Mund war staubtrocken; er achtete nicht darauf. Seine Miene wirkte hart und verschlossen; stur geradeaus guckte er – zum Eingang des großen Gemeinschaftshauses.
Dort hatte er eine kleine, kugelige Gestalt in einem schwarzen Bärenfellmantel entdeckt: Ulmer, den Wettermann von Blutbuch, den „Hexer“, wie er sich gern nennen ließ. Er sollte Nachfolger des toten Birks werden. Er sollte die Waldstämme nach Norden in den Krieg gegen die Eiswilden führen. Ihn wollten die Magier heute zum Großen Waldfürsten wählen lassen. Lasnic spuckte noch einmal aus.
Schrat, sein alter Kolk, hatte ihm die Botschaft der Magier überbracht. Vor einem Mond, ein paar Tage nach Belices Geburt. Lasnic hatte sich mit seinen engsten Vertrauten beraten – mit Pirol Gumpen, der Waldfurie, Lord Frix, der Kriegsmeisterin Loryane, dem Schwertweib Tigrit und den Jagdbrüdern der Waldstämme, die es mit ihm hielten. Und natürlich mit der Mutter seiner Tochter, der Königin Ayrin.
Die plötzliche Stille verblüffte Lasnic. Niemand sprach mehr, seit er aus dem Waldrand getreten war, niemand lachte oder fluchte mehr. Nicht einmal Grünspross hörte er noch plärren. Dabei hatten sich Tausende auf der Lichtung versammelt.
Aus allen vier Waldgauen waren sie gekommen, um den Großen Waldfürsten zu wählen und das Urteil der Magier über Lasnic zu hören. Aus den südlichsten Berghängen von Düsterholz waren sie hierher an den Unterlauf des Stomms gewandert oder geritten, sogar aus den nördlichsten Sümpfen Wildans.
Und sie alle sahen es nun mit eigenen Augen: Lasnic, der Sohn Voglers, hatte sein Versteck in der Wildnis verlassen und war dem Befehl der Magier gefolgt. Sie alle – vier Waldfürsten, Dutzende Eichgrafen, Hunderte Siedlungsälteste, Tausende Jäger, Morsche, Flaumbärte, Mütter, Jungweiber und Halbwüchsige – sie alle wurden nun Zeugen, wie Lasnic mitten durch die Versammlung der Waldstämme schritt, die Kauzer und Augustos einberufen hatten. Sie alle würden gleich mit eigenen Augen sehen, wie er zu den verhassten Magiern hinauf aufs Flachdach des Gemeinschaftshauses steigen, wie er sogar niederknien würde vor den neuen Herren der Waldstämme. Vor Kauzer, dem Meister des Willens. Vor Augustos, dem Großmeister des Willens.
„Scheißhaufen, verfluchte!“, zischte Lasnic zwischen zusammengebissenen Zähnen. Sein Herz schlug schneller; er achtete nicht darauf.
Ayrin und das Kind hatte der Waldmann bei Gumpen, Lord Frix und der Waldfurie zurückgelassen. Besser so. Schrat, auf seiner Schulter, quorkte, als wittere er Gefahr. Lasnic witterte sie auch. Die Narbe unter seinem linken Auge zuckte und kribbelte. Dagegen war kein Kraut gewachsen.
Näher und näher kam er dem Gemeinschaftshaus. Sein Schritt stockte nicht, er sah weder nach links noch nach rechts. Auch nicht, um sich die Gesichter derer zu merken, die ihm die Schultern tätschelten oder ihm Seerosen und Eichensprösslinge ins lange Haar steckten oder ihm Segenssprüche zuflüsterten oder den Beistand des Wolkengottes und des Großen Waldgeistes wünschten.
Die meisten hier verabscheuten Kauzer und Augustos, wollten sie lieber heute als morgen in die Flammenhölle des Schartans fahren sehen; dessen immerhin konnte er sicher sein.
Schon beinahe am Ende dieser Gasse aus Leibern angekommen erkannte er Tajosch und Rottnic in der Menge. Freunde und Verbündete – lauter hochgewachsene Jagdkerle deckten sie mit ihren Körpern vor den Blicken der Magier und der misstrauischen Parteigänger Ulmers. Wie alle, die sich nach dem Sieg über die Tarkaner zu oft mit Lasnic gezeigt hatten, galten auch Tajosch und Rottnic als heimliche Rebellen und mussten um ihr Leben fürchten.
Von allen Vertrauten hatten Tajosch, der Eichgraf von Stommbösch, und Rottnic, der Flaumbart aus Wildan, es am häufigsten gewagt, ihn in seinem Versteck in der Wildnis aufzusuchen. Von allen, die es im Geheimen mit Lasnic, dem Sohn Voglers, hielten, drängten sie am leidenschaftlichsten zum offenen Kampf gegen die unwürdige Tyrannei der beiden Magier aus Kalypto und ihrer Anhänger.
„Wohl dem, der solche Freunde hat“, murmelte er. „Bewahr’ dein Leben, und du wirst es verlieren. Wirf es weg, und du gewinnst es.“
Nur einen Wimpernschlag lang streifte Lasnics Blick die beiden Vertrauten. Keine Spur seiner Erleichterung und seiner Freude fand den Weg in seine harten und erbitterten Gesichtszüge. Ja, Erleichterung empfand er angesichts der beiden Jagdbrüder. Erleichterung und wilde Freude.
Er schöpfte sogar Hoffnung – wenn es ihnen, den beiden Verfemten, gelungen war, sich unter die Menge zu mischen und so nahe an das Gemeinschaftshaus zu gelangen, dann durfte er damit rechnen, dass es auch die beiden Garonesinnen Loryane und Tigrit von ihrer Galeere aus ans Stommufer und in den Wald geschafft hatten. Und danach hierher zur Großen Versammlung der Waldstämme.
Lasnic stieg die beiden Stufen zum offenen Gemeinschaftshaus hinauf und trat ein. Keine drei Schritte vor der Wendeltreppe zum Dach wartete Ulmer neben seinem Waldfürsten und einigen Eichgrafen von Blutbuch auf seine Wahl zum Großen Waldfürsten. „Scheißkerl!“, zischte Lasnic ihn an.
Die meisten Jagdkerle rund um den Wettermann standen offen oder insgeheim auf Lasnics Seite. Der alte Waldfürst Hirscher sowieso. Der hochgewachsene Graubart hatte nie einen Zweifel daran gelassen, dass er Kauzer für einen üblen Verräter und diesen Augustos für einen gerissenen Eroberer hielt. Krieg gegen die Eiswilden im hohen Norden? Schwachsinn!
Verwundert, beinahe erschrocken musterte er Lasnic. Wahrscheinlich konnte der alte Hirscher es nicht fassen, dass einer wie er freiwillig gekommen war, dass einer wie Lasnic sich freiwillig unterwerfen und bestrafen lassen wollte.
Ulmer wich zurück, als Lasnic sich der Wendeltreppe näherte. Schämte er sich doch ein wenig für seinen Verrat? So viel Anstand hätte Lasnic ihm gar nicht zugetraut. Mochte dem kleinen Fettsack doch das habgierige Hirn unter der Schädeldecke verfaulen!
Ulmer wollte sich hinter zwei Eichgrafen drängen, doch Lasnic sprang zu ihm. „Du bist ein Saftarsch, Ulmer!“ Er packte ihn und riss ihn an seine Brust. „Ein erbärmlicher Möchtegernhexer bist du!“ Die Wut tat gut, dämpfte seine Angst ein wenig. „Und bald wird es jeder am Stomm erfahren. Versprochen!“
„Was fällt dir ein, Jagdkerl?“ Der kleine Wettermann zappelte in Lasnics hartem Griff, blaffte zu ihm herauf, schlug ihm auf die Hände. „Weißt du nicht, wen du vor dir hast?“
„Doch. Einen Schwachkopf, dem der Schartan ins Hirn geschissen hat!“ Lasnic schüttelte den kugeligen Wettermann, als wäre er ein Sack voll toter Enten. „Den verfluchten Ring willst du besitzen! Ein echter Hexer werden willst du! Und bezahlst mit deinem Stolz und deiner Ehre dafür.“ Lasnic spuckte aus. „Schäm dich!“
Keiner der Eichgrafen griff ein. Vier Jungjäger jedoch eilten herbei, Radaubrüder aus Blutbuch, die Ulmer sich neuerdings als Leibgardisten hielt. Sie gingen dazwischen, drohten Lasnic mit Lanze oder Messer, machten ebenso wichtige wie grimmige Gesichter und konnten doch ihre Furcht vor dem Sohn Voglers nicht ganz verbergen.
„Wer mich anrührt, frisst Dreck!“ Lasnic stieß den schnaufenden und fluchenden Ulmer von sich. „Noch bin ich ein freier Waldmann.“ Er schoss einen letzten giftigen Blick auf den Wettermann ab, fuhr herum und stapfte die Treppe hinauf.
Immer seltener war Ulmer zu den heimlichen Versammlungen der Verschwörer in die Wildnis heraus gekommen. Nach dem Winter gar nicht mehr. Zu groß die Macht, die Kauzer und der Großmeister dem Wettermann von Blutbuch boten. Zu verlockend der Ring und das böse Licht aus dem Jenseits, das er damit entfesseln konnte. Ulmer, der sich schon immer gern „Hexer“ nennen ließ, hatte nicht widerstehen können.
Zur Belohnung wollten sie ihn jetzt zum Großen Waldfürsten wählen lassen. Damit wenigstens der Anschein einer Wahl erhalten blieb, hatte der Wettermann von Blutbuch einem alten, zahnlosen Jäger ein junges Mädchen zum Weib gegeben und ihn so bestochen, heute als sein Gegenkandidat anzutreten.
Stufe um Stufe nahm Lasnic. Sein Herzschlag dröhnte ihm in den Schläfen; seine Narbe zuckte, sein linkes Auge ebenso, und er musste so verdammt dringend pissen. An den Geländern des Ausstiegsschachtes schwang er sich schließlich aufs Dach.
Sofort umringten ihn sechs Jagdkerle, die meisten noch Flaumbärte. Zwei spannten ihre Jagdbogen und zielten mit ihren Pfeilen auf ihn, vier richteten die Spitzen ihrer Jagdlanzen auf seine Brust. Ihre Mienen waren so stumpf und ihre Blicke so leer, dass es Lasnic das Herz zusammenschnürte.
„Sterbende Fische im Ufersand seid ihr und merkt es nicht einmal“, flüsterte er. „Arme Hexersklaven.“
„Was habt ihr zu flüstern?“, krähte Kauzer vom Rand des Daches her. Seine Stimme klang seit jeher wie eine alte Saublase, wenn man sie zerriss. „Schafft ihn zu uns! Auf, auf!“ Angeblich hatte seine Stimme sich schon vor 27 Sommern so angehört. Damals, als er seinem Vorgänger im Rang des Wettermanns den Namen des neugeborenen Lasnics verkündete.
Die hirnlosen Kerle nahmen ihm Jagdbogen, Lanze und sein baldorisches Kurzschwert ab. Anschließend lotsten sie ihn mit den Lanzenspitzen zu den beiden Magiern am Dachrand. Dabei veränderte sich ihr Gesichtsausdruck nicht im geringsten. Diese Jäger glotzten aus ihren schlaffen Gesichtern, als würde sie langweilen, was sie taten, ja, als würden sie gar nicht merken, dass sie überhaupt etwas taten.
Sie gehörten zu den viel zu vielen, denen der Großhexer mit seiner verfluchten Magie das Wichtigste geraubt hatte, was ein Waldmann besitzen konnte: die Freiheit des Willens.
Augustos, dieser Schartanskrüppel, vermochte so etwas. Seit dem Sieg über die Tarkaner umgab er sich mit solchen Halbtoten. Von Hunderten dieser Willenlosen hatte Tajosch während der letzten geheimen Zusammenkunft der Rebellen gesprochen. Und das war auch schon wieder einen halben Mond her.
Sah so die Art von Unterwerfung aus, die Kauzer und dem Großhexer auch für ihn vorschwebte? Lasnic machte sich auf das Schlimmste gefasst.
„Knie nieder, Lasnic, Sohn Voglers.“ Kauzer deutete auf eine Stelle an der Längsseite des Flachdaches. Klar doch – jeder Jagdkerl dort unten, jede Mutter, jeder Flaumbart, jedes Jungweib sollte genau sehen können, wie er, der wilde, starke, große Waldmann seine Knie vor den schmächtigen Hexern aus Kalypto beugte; auch der letzte Waldmann dort unten sollte begreifen, dass jeder Widerstand sinnlos war.

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