Kalypto II (Leseprobe)

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„Kalypto – Die Magierin der Tausend Inseln“

Wer seinen Feind besiegt, hat Kraft.
Wer eine Stadt besiegt, hat Macht.
Wer sich selbst besiegt, ist stark.
Laotse

Prolog

Die Männer waren zu zwölft. Links und rechts des Pfades kauerten sie zwischen Ginster und schon bräunlichem Farn. Sie stemmten Jagdlanzen über die Schultern oder spannten Pfeile in ihre Jagdbogen. Alles lautlos, alles mit spärlichen Bewegungen. Der dreizehnte, unbewaffnet, hockte zwei Lanzenlängen über dem Pfad im gelben Laub einer Birke. Irgendwo im Norden krächzte ein Kolk.
Die Männer hatten braun gebrannte, bärtige Gesichter, schwarzes, graues, sandfarbenes, weißes oder lehmbraunes Haar. Sie trugen Mäntel aus schwarzem Bärenfell oder aus grauem und ockerfarbenem Eulengefieder, das mit Netzen aus Spinnenseide auf raues Hirschleder gespannt war. Sie fielen kaum auf im Herbstlaub.
Der in der Birke war ganz in braunes Hirschleder gehüllt. Sein Kindergesicht sah aus wie verwelkt. Jetzt hob er die Rechte bis zu den Lippen und seine Lider schlossen sich halb. Er lauschte und lauerte mit höchster Aufmerksamkeit. Die Männer in Farn und Ginster hielten den Atem an.
Das geschah zwei Monde, nachdem Lasnic von Strömenholz durch einen See schwamm und einen Menschen am Himmel beobachtete; zwei Monde, nachdem die neue Königin von Garona von der Nordwand des Blauphirs aus Katapultgeschosse in die belagerte Stadt Blauen einschlagen sah; zwei Monde, nachdem die Magierin der Tausend Inseln am Fenster des Burgturms stand und auf das verwüstete Garonada hinabblickte.
Der in der Birke riss die Augen auf und stieß die Rechte über den Kopf. Nur einen Wimpernschlag später sahen die Männer unter ihm kleine, dunkelhäutige Krieger auf dem Pfad zwischen den Bäumen auftauchen. Die legten die Köpfe in die Nacken und spähten in die Birke hinauf, weil ein Kolk krächzend in deren Wipfel landete. Die Jäger rechts und links des Pfades schleuderten ihre Lanzen und schossen ihre Pfeile auf sie.
Vier Fremde sanken tödlich getroffen auf den Pfad und ins Unterholz, mindestens genauso viele flüchteten in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Sieben Jäger sprangen aus dem Gestrüpp und jagten ihnen nach. Die anderen betrachteten die Toten.
„Verdammte Bräunlinge, dachte ich es mir“, sagte der Eichgraf von Stommfurt, ein alter Graubart namens Uschom.
„Dass sie sobald zurückkommen, die Drecksäcke!“ Tajosch, ein hagerer, sehniger Jäger mit wilder, schwarzer Mähne, zog dem Hauptmann der Bräunlinge den schwarzen Ledermantel aus. „Der passt meinem Jüngsten.“ Der Kolk im Birkenwipfel wollte gar nicht mehr aufhören zu krähen, zu quorken, zu flöten.
„Späher sind das“, sagte der Weißschopf, ein Waldfürst. „Verfluchte Späher. Kommen aus dem Norden.“ Er hieß Birk. „Weiß der Schartan, wo das Pack von den Tausend Inseln diesmal vor Anker gegangen ist.“
„Im Mündungsdelta jedenfalls nicht.“ Ein kleiner, nahezu kugelrunder Mann schaukelte von Leiche zu Leiche, nahm jeder ab, was ihm brauchbar erschien. Er trug schwarzes Bärenfell, hieß Ulmer und war der Wettermann von Blutbuch. „Die Wolkengötter flüstern mir, dass sie sich vorher noch mit den Baldoren prügeln.“
Aus der Birke kletterte der mit dem verwelkten Kindergesicht. „Um ein Haar hätten die Drecksäcke mich entdeckt.“ Kauzer, der Wettermann von Strömenholz, lugte in den Birkenwipfel hinauf und drohte dem lärmenden Kolk dort oben mit knochigem Zeigefinger. „Hätt’st mich fast verraten, dummer Krächzer!“ Er stutzte, runzelte die Brauen. „Wieso kommt mir das Gezeter dieses Kolks so bekannt vor?“
Einer nach dem anderen spähte nun zu dem Vogel hinauf. Dessen blauschwarzes Gefieder schillerte wie flüssiger Teer. „Das ist doch Voglers Kolk“, sagte Uschom. „Das ist doch Tekla!“
„Lasnics Kolk, meinst du“, sagte Tajosch. „Vogler liegt seit neunzehn Sommern im Vorjahreslaub.“
„Seit achtzehn“, sagte Kauzer.
„Na und?“ Der runde Ulmer winkte ab. „Deswegen ist es immer noch Voglers Kolk.“
„Eulenscheiße! Lasnics Kolk!“ Tajosch streckte die Rechte aus. „Komm schon her, Tekla!“ Der Vogel flatterte aus der Birke und landete auf Tajoschs Schulter. „Hast du was zu erzählen? Dann los.“
„Tekla? Wirklich? Dann ist auch Lasnic in der Nähe.“ Birks Miene verdüsterte sich. Nach allen Seiten lauerte der Weißschopf. „Soll mir ja fortbleiben, der Hosenscheißer!“
„Hast du Angst, dass er dir deinen Rang als Großer Waldfürst streitig macht?“ Kauzer feixte dem Weißschopf ins Gesicht. Mit seinen kurzen, weißblonden und nach allen Seiten abstehenden Locken sah sein großer Kinderschädel aus wie gerupft.
„Wie denn, Wetterschwätzer!“, blaffte Birk. „Der Hosenscheißer ist auf und davon, und ihr habt mich gewählt. Wie denn, solange ich dem Wilden Axtmann nicht in die Klinge stolpere?“
Kauzer nickte nur und richtete den Blick seiner glitzernden Augen auf Tajosch und Tekla. „Bringt sie eine Botschaft?“
„Tekla ist über den Großen Ozean geflogen.“ Der schwarzhaarige Jäger lauschte dem Geschnalze und Gequorke des Vogels. „Aus irgendwelchen Sümpfen bis hier her. Lasnic warnt uns vor zehntausenden Bräunlingen. Er will zurückkommen.“
„Lasnic kommt nach Hause?“ Kauzer riss die Augen auf. „Ist das wahr?“ Ein Lächeln flog über sein verwelktes Gesicht.
„Soll bloß wegbleiben!“ Der kugelrunde Wettermann von Blutbuch zog den Rotz hoch und spuckte aus. „Werden allein fertig mit den verdammten Drecksäcken, was Birk? Brauchen keine Hosenscheißer wie den Sohn Voglers!“
„Hab’ ich’s euch nicht immer gesagt?“ Kauzer achtete nicht auf den missmutigen Ulmer. „Einer wie Lasnic bleibt nicht für immer fort! Einer wie Lasnic kann nicht leben ohne Wälder und Jagdbrüder!“
„Ein verdammter Pisser ist er!“ Dem Weißschopf Birk schwoll die Schläfenader. „Einfach abhauen! Und so einen wolltest du uns als Großen Waldfürsten aufdrücken! Bis heute schämst du dich dafür, Wetterschwätzer, gib’s doch zu!“
„Ja, ich schäm’ mich!“, giftete Kauzer. „Weil nur der Zweitbeste unser Großer Waldfürst geworden ist!“ Sein knochiger Zeigefinger stach nach Birk. „Einer, der Lasnic nicht das Wasser reichen kann!“
Birk packte den Wettermann am Kragen seines Hirschledermantels, schüttelte ihn, hob die Faust. Doch Uschom ging dazwischen. „Hat der Schartan euch ins Hirn gefurzt? Es reicht!“ Der Graubart trat neben Tajosch. „Lasnic jenseits des Großen Ozeans? Will nach Hause kommen? Bist du sicher?“
Tajosch nickte und lauschte dem Kolk. „Woher der Sinneswandel?“ Auch Kauzer schob sich an Tajoschs Seite. „Was hat er erlebt, der Bursche? Was kannst du von Tekla erfahren?“
„Üble Neuigkeiten hör’ ich.“ Tajoschs Miene hatte sich verdüstert inzwischen. „Ganz üble Neuigkeiten.“

ERSTES BUCH

Der Bastard

1

Ein fliegender Mensch!
Lasnic staunte in den Himmel, tauchte unter, schwamm, tauchte auf und staunte in den Himmel. Hatte je einer von fliegenden Menschen gehört? Niemand! Er, der Waldmann, sah dennoch einen – dort oben, mit eigenen Augen. Unglaublich! Beim Großen Waldgeist, einfach unglaublich!
Er warf sich herum, schwamm auf dem Rücken weiter, spähte zu dem tollkühnen Burschen unter den künstlichen Schwingen hinauf und konnte es nicht glauben. Ein fliegender Mensch! In immer engeren Schleifen lenkte der verrückte Kerl sein Fluggestell der Wasseroberfläche entgegen.
Joscun hieß der Flieger, hatten die anderen gesagt, Joscun von Blauen. Im Labyrinth unter der Bergstadt Garonada war Lasnic ihm vor Tagen schon einmal begegnet. Joscun, ein Getreuer der Königin Ayrin, „Indscheniör“ nannte Lord Frix ihn. Egal wie er hieß, egal woher er kam, egal was er war – der tollkühne Kerl hatte sich schon jetzt Lasnics Respekt verdient. Wie einen tapferen Jagdbruder würde er so einen behandeln – bei allen Wolkengöttern! –, wie seinen eigenen Eichgrafen!
Doch dazu musste er ihn erst einmal vor dem Absaufen bewahren. Im Schwimmen nämlich waren diese Bergstädter nicht halb so gut wie im Fechten, Klettern und Fliegen. Und wenn dieser Joscun samt seines Fluggestells in den See stürzte, würde er ganz sicher beim Vorjahreslaub landen. Wie sollte er denn schwimmen mit diesem Ding auf dem Rücken?
Lasnic ließ den tollkühnen Flieger nicht aus den Augen. „Spring!“, schrie er. „Du musst springen!“ Doch der fliegende Mann antwortete nicht. Dabei hatte er sich schon bis auf Rufweite zur Wasseroberfläche herunter geschraubt. Nach und nach erkannte Lasnic Einzelheiten des Schwingengestells. Das war etwa eine Lanzenlänge breit, spannte sich gut und gern auf fünf Lanzenlängen Weite aus und wirkte vollkommen starr. Die beiden nach oben gewölbten Schwingen schienen aus einem Stück zu bestehen und hatten die Form einer breiten, nur ganz leicht gekrümmten Sichel.
„Wie bringt man so ein verdammtes Gestell nur zum Fliegen?“, murmelte Lasnic. „Wie beim Schartan soll das gehen?“
Noch zehn Lanzenlängen, dann würden Flieger und Gestell auf dem Wasser aufschlagen, noch ein Dutzend Schwimmzüge höchstens, dann würde Lasnic die Absturzstelle erreichen. Am Ufer winkten die anderen, etwas mehr als dreißig Frauen und Männer. Sie riefen seinen Namen und den des Fliegers. Nur der bullige Erzritter Romboc stand reglos und stumm auf sein Langschwert gestützt.
„Lass das Gestell los und spring!“ Lasnic sah nun, dass der Tollkühne unter dem Mittelpunkt der Schwingenfläche waagerecht in einer Art Hängematte hing und sich an einem Bügel festhielt, der durch feine Seile mit den Schwingenspitzen verbunden war. „Raus aus dem Bügel, raus aus dem Tuch! Spring!“ Er brüllte, so laut er nur konnte. „Dann schaffst du es vielleicht! Andernfalls wird das Gestell dich unter Wasser ziehen!“ Die Seen und Teiche hier in den Sümpfen waren zwar seicht, aber immer noch tief genug, um zu ertrinken. „Hörst du, was ich sage? Lass los, Joscun, spring!“
„Damit mein Luftsegler mir auf den Kopf fällt?“, schrie der andere von oben. „Ich bin doch nicht lebensmüde!“
Der Waldmann warf sich auf den Bauch, tauchte unter, tauchte mit kraftvollen Schwimmzügen der wahrscheinlichen Absturzstelle entgegen. Es würde dem Garonesen eben nicht auf den Kopf fallen, das unglaubliche Gestell! Es würde einfach ohne den Flieger ein Stück weitersegeln und einen halben Lanzenwurf abseits ins Wasser stürzen. Aber so waren sie, die schlauen Kerle und Weiber von Garona, wussten einfach alles besser.
Der Waldmann tauchte auf, spähte nach oben, spähte nach allen Seiten. Am Ufer standen sie inzwischen alle so starr und stumm wie zuvor Romboc im Schilf oder im hohen Gras und starrten zu Lasnic und Joscun auf den See hinaus. Nun war es der Erzritter, der gestikulierte und rief. Der ganz in Schwarz und Grau gehüllte Romboc bedeutete dem fliegenden Mann, sofort seine künstlichen Schwingen abzustreifen.
Lasnic spähte wieder zu Joscun hinauf. „Hörst du, was dein Erzritter befiehlt?“ Zehn Lanzenlängen vor ihm und sieben über ihm glitt der Verrückte vorüber. „Raus aus dem Gestell, Kerl!“, brüllte Lasnic. „Sonst küsst dich der Karpfen und danach kein anderer jemals wieder!“

 

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