Kalypto I (Leseprobe)

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„Kalypto – Die Herren der Wälder“

Zweites Buch, erstes Kapitel, Seite 155ff:

Jemand lachte.
Hörte sich gut an, und Lasnic glaubte, das Lachen seines Vaters zu erkennen. Hörte sich fantastisch an, wild und laut, und zwischen Schilfrohr meinte er jetzt auch, das lachende Narbengesicht des geliebten Voglers zu erkennen. Vertraut sah das aus, ja: vertraut und mächtig gut, und Lasnics Herz schwoll an.
Doch dann mischte sich Schmerz in die aufbrandende Freude, ein dumpfer, bohrender Schmerz, der ihm Kotze in die Kehle drückte.
Die Schilfhalme verblassten, Voglers zernarbtes Gesicht zerfiel in graues Geflimmer, und Lasnic begriff, dass er geträumt hatte, dass er im Halbdunkel auf Wurzelstrünken lag, dass seine Knochen sich schwer wie Eichenprügel anfühlten und dass er nicht allein war.
Der Schmerz klopfte im Kopf, bohrte im Nacken, stach in den Rippen. Lasnic riss die Augen auf und blinzelte in geflochtenes Astwerk, Netzmaschen und welkes Laub. Er wollte sich aufrichten, konnte aber seine Arme nicht bewegen. Und warum hörte das Gelächter nicht auf? Doch kein Traum?
Es roch nach Schwein. Eine Lichtlanze bohrte sich durch das Astgeflecht über ihm. Er drehte den schmerzenden Kopf nach rechts – sachte und ächzend – und blinzelte auch dort in geflochtenes Astwerk, Netzmaschen und Laub. Irgendein Unterstand, irgendeine Bude aus Gehölz. Hinter der Wand lachte einer. Und das klang gar nicht gut. Nein, zwei lachten da. Vielleicht auch mehr als zwei, Männer mit hohen, gepressten Stimmen. Schlimmes Gelächter war das, dreckig und höhnisch.
Lasnic lauschte mit wachsendem Ekel, während sein Schädel pochte und die Wurzelstrünke sich in seinen Rücken bohrten, und nach und nach kehrte die Erinnerung zurück: Bräunlinge. Dutzende. Das Gehölz rund um den Bibertümpel hatte plötzlich von ihnen gewimmelt. Und von ihren Speeren, Schleudern und Äxten. Jetzt lachten sie draußen hinter der Laubwand.
„Dreckssäcke …!“ Er verstummte gleich wieder, weil das Fluchen den Schmerz anheizte. Er drehte den pochenden Kopf zur anderen Seite, blickte wiederum in geflochtenes Astwerk, Netzmaschen, Laub. Und in Kauzers zerknautschtes Kindergesicht.
Der kleine Wettermann sah ihn an, traurig und zugleich so ruhig, wie Lasnic ihn selten erlebte. Kauzers trübsinniger Blick wanderte hinunter zu seiner rechten Hand. Er hob sie ein wenig aus Erde und Laub, einen halben Fuß weit etwa, mehr nicht. Das reichte Lasnic, um die Schelle daran und die Kette zu sehen.
Gefangen!
„Verfluchte Marderscheiße!“ Lasnic fuhr hoch – jedenfalls so hoch er konnte, einen halben Fuß höchstens. Ketten klirrten. Er wollte die Knie anziehen – einen halben Fuß weit bekam er sie angehoben, bevor auch unten an seinen Knöcheln Ketten klirrten.
Gefangen, beide.
„Wer hat das getan?“ Panik schnürte ihm den Atem ab. Er riss an Hand- und Fußfesseln, bis ihm die Schellen die Haut wund scheuerten. Er konnte nicht um sich schlagen, konnte nicht die verdammte Astwand eintreten, konnte nicht aufstehen und laufen – nichts Schlimmeres für einen Waldmann.
„Wieso bin ich hier? Wer hat mich umgehauen?“ Die Panik betäubte den Druck im Rücken und das Brennen im Schädel. Der Schmerz, der ihn jetzt quälte, brannte hinter dem Brustbein. Besiegt? Lasnic? Der großartigste aller großartigen Waldmänner? Gefangen? „Wer hat das getan, verflucht …?“ Er keuchte, sein Atem flog.
„Beruhige dich, Bursche.“ Die heisere Raschelstimme des Wettermanns. „Nicht einer hat’s getan, sechs hat’s gebraucht, um dich zu fällen. Falls dir das ein Trost ist.“ Der Alte seufzte rasselnd.
Zehn Sommer waren über die Wälder an den Ufern des Stomms gegangen seit der vermasselten Jungjägerprüfung, seit Lasnic den Flussparder ziehen ließ. Hochwasser kamen und gingen, neun gewöhnliche, ein verheerendes. Arga, Lasnics Weib, hatten die Fluten mit sich gerissen und mit ihr viel zu viele Waldleute in Strömenholz, Blutbuch und Düsterholz; und so manchen holte der Alligator und der Schlammwels.
Zehn Sommer, und Lasnic war zum Mann geworden, zu einem starken Jäger, den mancher beneidete und viele bewunderten, nicht zuletzt er selbst. Jetzt trugen die Baumkronen die Farben des Spätsommers und es war geschehen, was Birk, der Weißschopf, immer vorhergesagt hatte: Die Bräunlinge waren zurückgekommen. Irgendwo im Mündungsdelta des Stomms lagen sie mit drei Schiffen vor Anker.
„Wir beide haben den Überfall von der Mitte des Biberteiches aus gesehen“, krächzte Kauzer. Lasnic hörte es, sah die Bilder dazu, erinnerte sich dunkel. „Wie aus dem Nichts sprangen sie unsere Jäger an. Als wir beide unsere Jagdbogen anlegten, sind sie aus dem Schilf gesprungen und schwangen schon die Keulen.“
Dazu wollte kein Bild in Lasnics Kopf entstehen. „Warum weiß ich’s nicht mehr, warum kann ich mich nicht dran erinnern …?“ Wieder riss er an den Ketten, bis die wunde Haut brannte. Sein Schädel verwandelte sich in einen Paukenkessel und der Schmerz in einen zur Axtklinge gewetzten Schlegel. Lasnic atmete gegen die Panik an. Gefangen-, Angebundensein war das Schlimmste; nicht aufspringen, nicht angreifen oder weglaufen können – das ertrug einer wie Lasnic nicht. Ganz still hielt er, bis das Dröhnen im Schädel abebbte. Währenddessen lachten draußen die Bräunlinge. Er hasste dieses Lachen.
Nach und nach stiegen in ihm weitere Bilder der Erinnerung auf. Die meisten wollten keine deutlichen Umrisse annehmen, doch eines traf ihn mit greller Klarheit: Rauch und der hustende Gundloch mit dem Kopf im Jagdnetz, und braune, sehnige Körper, fast nackt, die den Waldfürsten umzingelten; lauter flinke Kerlchen mit lauter scharfen Äxtchen und in der Sonne blinkenden Speerchen.
„Marderscheiße …“ Nur flüstern konnte er, der Schock schnürte ihm die Luft ab. Wann war das alles gewesen? Gerade eben? Vor einem Morgen? Vor sieben?
Der penetrante Schweinegeruch trieb ihm Übelkeit in den Rachen. Vielleicht war es auch der Schmerz. Stöhnend hob er den Schädel und äugte an sich hinunter: Seine eichbraune Lederhose war am Knie zerrissen, Blut und Dreck klebten an den Fetzen; sein fuchsbraunes Wildlederhemd war über und über mit Krusten vertrockneten Blutes bedeckt. Und wie er stank! Hatte er etwa in die Hosen gepisst? Sah so aus. „Scheiße …“
Er ließ den Kopf fallen. „Aua …“ Wenn er jetzt einem Mädchen begegnete … Kein hässlicher Gedanke an sich. Er versuchte zu feixen – tat weh. Erneut drehte er den Schädel und blickte in Kauzers verwelktes Kindergesicht. „Wo sind die anderen?“
„Tot.“ Die Stimme des Wettermanns klang wie ein Tritt ins Vorjahreslaub, wenn es lange nicht geregnet hatte.
„Warum erzählst du mir Märchen?“ Lasnic fauchte Kauzer an. „Wir waren acht! Ein unbesiegbarer Waldfürst mit sechs gut bewaffneten Jägern und einem kleinen, schlauen Wettermann! Sag, dass du Eulenscheiße redest!“
Kauzer blickte ihn aus seinen roten, traurigen Augen an und sagte überhaupt nichts.
Lasnic schloss die Augen und stöhnte auf. „Sieben Jäger …! Wie, beim stinkenden Arsch des Schartans, sollen sie das denn hingekriegt haben, die verdammten Bräunlinge?“
„Waldfeuer. Haben einfach das Buschwerk angezündet, in dem unsere Jäger in Deckung lagen.“
„Wassis?“ Lasnic sperrte Mund und Augen auf. Der Schreck dämpfte einen Atemzug lang den pochenden Schädelschmerz. Waldfeuer war ganz übel! Waldfeuer war eine Strafe der Wolkengötter, Waldfeuer war das Letzte, was ein Waldmann sehen, hören und riechen wollte. „Alle verbrannt?“
„Verbrannt, erstickt, erschlagen. Fast alle.“ Mit einer eckigen Bewegung seines großen Kinderschädels deutete Kauzer über Lasnic hinweg zur rechten Laubwand. „Hör doch.“
Lasnic lauschte dem schlimmen Gelächter. Mindestens vier kicherten und glucksten und prusteten da draußen. Zwei, drei Lanzenwürfe entfernt kläfften Wölfe und riefen Stimmen, quäkend und scheinbar ohne Sinn. Geäst brach, ein Schwein grunzte, und plötzlich hörte er es auch: Jemand röchelte ganz dicht neben ihrer Astbude. Dann ein Laut wie von einem Schlag, und das Röcheln ging in wimmerndes Stöhnen über; bis prustendes und wieherndes Gelächter es wieder übertönte.
„Wer ist das, verflucht?“ Lasnics Stimme brach, in seinem Gesicht zuckte es; er wusste genau, wen sie da draußen quälten.
„Der Waldfürst.“ Kauzer flüsterte. „Gundloch ist der einzige außer uns, der noch atmet. Die anderen fünf sind schon den Weg allen Laubs gegangen.“
Lasnic lag wie von Bruchholz getroffen. Mit offenem Mund starrte er in den Winkel der zusammengebundenen Stützäste über ihm und konnte es nicht glauben. Den Kampf verloren, fünf Jäger gefallen, er selbst gefangen. Sogar der Waldfürst gefangen. Draußen stöhnte Gundloch in diesem Augenblick auf, fluchte sogar, und die Bräunlinge wieherten vor Vergnügen.
Lasnic zerrte wieder an seinen Ketten. Das Wasser stieg ihm in die Augen. Er liebte seinen Waldfürsten, wie ein kleines Kind hing er an ihm! Ja, verdammt noch mal, so war das eben! Ein Vorbild war Gundloch ihm, ein starker Freund, ein Vater, seit Vogler gestorben war. Lasnic wandte sich ab, damit der Wettermann sein zuckendes Gesicht nicht sehen konnte. Er kniff die Augenlider zusammen und knirschte mit den Zähnen.
„Wenn sie mit Gundloch fertig sind, werden sie einen von uns rannehmen“, flüsterte Kauzer.
Lasnic schluckte die Tränen hinunter. „Um ihn auszuquetschen?“
„Oder um zu spielen.“ Kauzer stieß ein bitteres Lachen aus; es klang, als würde er Rotz hochwürgen.
„Noch atme ich, noch habe ich Zorn für drei im Bauch!“ Lasnic straffte die Ketten an den Händen – es blieb dabei: Nur einen halben Fuß weit konnte er die Fäuste heben. Er beäugte die Kette an der Linken: Das letzte Glied ragte aus dem Waldboden. Den Pflock hatten die verdammten Bräunlinge so tief in der Erde versenkt, dass Lasnic ihn nicht sehen konnte. Er zog und zerrte. Vergeblich. Seufzend ließ er den Kopf sinken. Er spürte, wie Kauzer ihn beobachtete. „Was glotzt du, Wettermann!“, zischte er.
„Hast du geheult?“
„Schwachsinn! Lass dir was einfallen, du hast doch sonst immer einen Zauber im Beutel.“
„Nur, wenn’s um Wind oder Regen oder Sonnenschein geht.“
Das stimmte nicht. Man konnte auch zum Wettermann hinaufklettern, wenn es um einen gefährlichen Jagdpfad ging, um Beute, um einen Hasser, der einem den Hausbaum fällen wollte, sogar wenn es um Mädchen ging. Kauzer konnte immer etwas drehen, wenn er wollte, und nur der Schartan wusste, wie er das anstellte.
Lasnic hatte es selbst schon erlebt. Nicht wegen Mädchen, er hatte ja Arga gehabt, und seit sie vor vier Sommern ertrunken war, kriegte er jedes Weib, das er wollte, dazu brauchte er keine Tricks eines Wettermanns. Aber im Frühjahr manchmal, wenn mit dem Hochwasser die gefräßigen Schlammwelse bis in die Siedlungen vordrangen, wenn jeder Jäger, der etwas auf sich hielt, Lanze und Netz schnappte und mit seinem Jagdbruder ins Kanu stieg – ja, dann war auch er schon zum Wettermann hinaufgeklettert. Bis jetzt schien es geholfen zu haben; jedenfalls lebte er noch.
Wieder stöhnte und fluchte der Waldfürst draußen, und die kichernden Bräunlinge hatten ihren Spaß. Durch und durch ging es Lasnic. „Tu was, Kauzer, verflucht noch mal, tu was!“
„Kann nicht. Tu doch selbst was, Bursche.“
Das Schwein grunzte schon wieder, es blökte sogar. Lasnic fragte sich, was sie mit dem armen Tier anstellen mochten. Wölfe heulten, kläfften und jaulten. Das mussten gezähmte Wölfe sein. Sah den Bräunlingen ähnlich, sich mit solchem Viehzeug zu umgeben.
Verfluchte Bräunlinge! Bis auf Birk und seine Ältesten hatten die meisten Waldleute sie längst vergessen gehabt. Die Wachbäume waren immer häufiger unbesetzt geblieben, die Patrouillen fielen immer öfter aus. Und dann fanden Frauen eines Tages beim Pilzsammeln zwei blutige Köpfe – an Buchen aufgehängt und ganz in der Nähe von Stommfurt. Zwei erfahrene Jäger! Die Bräunlinge hatten sie auf dem Hauptjagdpfad gefällt. Ein Axthieb, ein Albtraum, ein Stoß in sämtliche Feuerhörner! Schlimmer als Hochwasser, fast so übel wie Waldfeuer.
Boten waren ausgeschwärmt, und am nächsten Tag hatte man in ganz Strömenholz von nichts anderem mehr gesprochen. Und wohl auch in Blutbuch, Wildan und Düsterholz. Seitdem suchten alle vier Waldfürsten rechts und links des Stomms mit ihren besten Jägern nach den verfluchten Schlächtern.
Es geschah selten genug, dass Fremde – „Aushölzer“ wie Lasnic und seinesgleichen sie nannten – sich in die Flusswälder verirrten. Und wenn, kümmerte es die Jäger nicht groß. Der wilde Wald, seine Sümpfe und sein gefräßiges Raubzeug wurden auf ihre Weise mit solchen Eindringlingen fertig.
Die Imhölzer – so nannten Lasnic und seinesgleichen sich selbst, wenn es darum ging, sich von Fremden zu unterscheiden – die Imhölzer wollten möglichst wenig zu schaffen haben mit dem Pack von außerhalb des Wildgehölzes. Nur wenn Aushölzer auf einmal anfingen, Stämme zu schlagen wie die Baldoren aus dem Grasland im fernen Norden vor fast vierzig Sommern, oder wenn sie von einem Tag auf den anderen mit Riesenkähnen im Mündungsdelta des Stomm auftauchten und die Fischgründe leerfischten wie die Trochauer von der anderen Seite des Ozeans vor zwanzig Sommern – dann musste man sich natürlich mit den Aushölzern beschäftigen, und dann gab es auch schon mal Prügel.
So zuletzt vor sechzehn Sommern, als Vogler mit seinen Spähern zum ersten Mal auf Bräunlinge gestoßen war. Schlimme Prügel waren das gewesen, allerdings für beide Seiten: Der Kampf hatte sowohl die Eindringlinge, als auch Voglers Späher ums Leben gebracht. Und auf rätselhafte Weise zuletzt auch Vogler selbst.
Bei Baldoren und Trochauern hatten die Prügel Früchte getragen: Die kamen nur noch alle drei Sommer und zahlten dann artig mit Klingen und Stoffen für Stämme und Fisch. Die verfluchten Bräunlinge jedoch führten sich auf wie ausgehungerte Alligatoren. Kein Mensch wusste, was sie hier im Holz zu suchen hatten. Und woher sie kamen, erst recht nicht. Mochten doch sämtliche Waldfurien sich zusammenrotten und ihnen weiß der Schartan was abbeißen!
„Was ist jetzt los da draußen?“, krächzte Kauzer. Lasnic hörte die verdammte Angst in der Stimme des Wettermanns schwingen, und das befeuerte seine eigene Furcht. Gar nicht gut.
Draußen tat sich wirklich etwas Neues: Die Schreie klangen anders, viele Bräunlinge riefen durcheinander, Zahmwölfe kläfften und jaulten, irgendwo prasselte Geröll über Gestein, das Schwein quiekte rau und heiser. Ein Keiler, ganz bestimmt. Lasnic roch das. Und jetzt stimmten die Bräunlinge einen Lärm an, der nach Jubel klang.
Was beim Schartan ging da draußen vor sich?
Schließlich verstummte das Gelächter vor der Astbude, stattdessen palaverten sie nun. Ihre Sprache klang wie das Grunzen der Dachse, nur härter und seltsam meckernd.
Eine fette Erdhummel brummte über Lasnics Gesicht hinweg und landete zwischen ihm und dem Wettermann. Er wandte den Kopf nach dem Tier. Das dicke Pelzklößchen krabbelte über Laub und Gezweig in Reichweite von Kauzers angeketteter Hand. Der ballte die Faust und hob sie, soweit die Kette es zuließ.
„Bloß nicht!“ Lasnic winkelte Arm an, so gut er konnte, und brachte gerade noch den Ellenbogen unter Kauzers zuschlagende Faust. Er mochte Hummeln. Der schwarzgelbe Pelzkloß erhob sich und brummte ins geflochtene Geäst zwischen die Netzmaschen. „Hat dich die Waldschlampe ins Hirn geküsst? Man schlägt doch keine Hummel tot!“
„Ich hab Hunger“, krächzte Kauzer. Sie starrten einander wütend an. „Wann werd’ ich schlau aus dir, Bursche? Scheinst’s mit Viechern besser zu können als mit Menschen.“
„Wundert’s dich wirklich, Wettermann?“ Mit einer vorsichtigen Kopfbewegung deutete Lasnic neben sich zur Laubwand, hinter der man Gundloch seine Schmerzen herausstöhnen hörte. Die Bräunlinge lachten nicht mehr.
Plötzlich raschelte Laub, es quietschte und wurde hell. Jemand hatte den Astkerker geöffnet, Lasnic blinzelte in die hereinprallende Morgensonne. Draußen standen Bräunlinge und glotzten, mindestens fünf. Zwei streckten Speere herein. Spitzes Metall bohrte sich über Lasnics Adamsapfel in seinen Bart. Er drückte den schmerzenden Hinterkopf in den Boden, hielt still und wagte nicht zu fluchen, zu schimpfen, zu beten, zu atmen. Dem gurgelnden Krächzen von links entnahm er, dass es dem Wettermann um keine Spur besser ging.
Ein ganzer Schwung kleiner, sehniger Körper drängte sich in den Astkerker. Sie plapperten in ihrer raunzenden, schmatzenden, flötenden Dachssprache. Griffkreuze von Krummschwertern ragten über ihre Schultern. Das lange Schwarzhaar auf ihren spitzen Köpfen war zu dicken Zöpfen geflochten, ihre Zähne kamen Lasnic unverhältnismäßig groß vor und unglaublich weiß. Viele hatten sich fleckige Lederfetzen unbestimmbarer Farbe um die Hüften geknotet und schmutzige Tücher um die Schultern gebunden, andere trugen graue Lederjacken und Pumphosen. Hauptkerle wahrscheinlich. An einem erkannte Lasnic seinen eigenen Brustgurt und daran sein baldorisches Kurzschwert, das Vogler mal von einer Wanderung in den Norden mitgebracht hatte; auch die Lanze, die dem Bräunling vom Rücken über die Schulter ragte, gehörte ihm. Lasnic zischte einen Fluch und prägte sich das Gesicht des Jackenkerls ein.
Vor dem Eingang wartete einer in schwarzem Ledermantel und mit rotem Tuch um die Stirn. Neben ihm ein zahmer Wolf mit fast weißem Fell. Beide betrachteten ihn, das Tier gleichmütig, der Mann lauernd und als würde er angestrengt nachdenken. Sein Haar war hellgrau wie das Fell seines Wolfes, beinahe weiß, und sein langes Gesicht schien aus braunem Sandstein gemeißelt. Ein Anführer, was denn sonst?
„Drecksack!“ Lasnic wollte spucken, doch einer packte sein Haar und hielt seinen Schädel am Boden, jeweils zwei knieten ihm auf Armen und Beinen. Andere machten sich an seinen Fuß- und Handschellen zu schaffen. Wieder brandete die Panik auf, und Lasnic zuckte und furzte vor Angst; die braunen Kerle feixten. Einer hielt sich kichernd die Nase zu, ein anderer deutete auf Lasnics zuckendes Auge, ein dritter schlug ihm ins Gesicht.
Sie arbeiteten, wie sie kämpften: flink und mit allen Gliedern auf einmal. Ihre Augen rollten hin und her dabei; die waren noch brauner als ihre Haut, bei manchen fast schwarz. Es ging ruckzuck, und Lasnic fand sich in ein grobes Jagdnetz eingeschnürt.
„Weg mit dem Netz!“ Wenn er etwas nicht leiden konnte, dann Enge und die Unfähigkeit, sich zu bewegen. „Weg damit!“ Er brüllte wie von Sinnen, versuchte sich aufzubäumen.
Sie erhoben sich von seinen Gliedern, hängten Haken mit Riemen in die Maschen zwischen seinen Füßen und zerrten ihn aus dem geflochtenen Astkerker. Die Luft war gesättigt mit schnatternden Stimmen, Wolfsgekläff und Schweineduft.
„Ihr müsst das Netz aufschnüren!“ Lasnic warf sich hin und her, brüllte, heulte. „Weg mit dem verfluchten Netz!“ Er krümmte sich, spuckte, schrie und wälzte sich im Unterholz.
„Ruhig, Bursche, ganz ruhig.“ Die heisere Stimme des Wettermanns irgendwo hinter ihm. „Tief atmen, still halten und tief atmen, Bursche. Hörst du, was ich dir sage?“
Lasnic riss sich zusammen, zwang sich, still zu liegen, holte tief Luft, wieder und wieder. „Was ist bloß in die Wolkengötter gefahren …“ Er stieß zischend den Atem aus, die Panik ging, die Wut kam. „Verdammte Bräunlinge! Irgendwann kriege ich euch, ihr stinkenden Marderschwänze!“ Der Zorn überschwemmte Lasnics Blut mit glühender Hitze. „Irgendwann kriege ich euch in die Finger!“ Unerträglich war das, wie lächerlich er sich vorkam, er musste drohen und spucken. „Irgendwann breche ich euch jeden Zahn einzeln aus euern schnatternden Fressen! Irgendwann …!“ Fluchend warf er sich hin und her. „Was ist in euch gefahren, ihr bescheuerten Götter? Warum helft ihr uns nicht?“
„Gib endlich Ruhe, Bursche!“, raunzte Kauzer ihn an. Das Netz mit seinem zierlichen Körper plumpste neben Lasnic ins Unterholz. „Du lästerst das Schicksal!“
„Na und, Wettermann?“ Lasnic richtete sich auf, fletschte die Zähne. „Ich verfluche das Schicksal sogar! Hat es denn was anderes verdient?“
„Nicht wie ein Jäger, wie ein Grünspross schwatzt du in der Hitze deines Blutes!“
„Ich rede, wie ich will, alter Mann!“
„Nur wer sein Schicksal als Freund begrüßt, kann es überwinden“, verkündete Kauzer.
Neben Lasnics rechtem Ohr knurrte es, fauliger Atem wehte ihn an. Er blinzelte nach rechts, sah Reißzähne, sah eine lange Schnauze mit feuchter, schwarzer Spitze, sah gelbe Augen. Noch ein gezähmter Wolf! Das Biest schnappte nach Lasnics Nase – Lasnic drehte den Kopf zur Seite, fluchte und kämpfte schon wieder gegen die Panik. Der Wolf schnappte nach Lasnics Ohr – der schrie das Tier an und wälzte sich auf den Bauch. Auch an Lasnics Beinen sprangen zwei der Biester auf und ab und versuchten, seine Zehen und Knie zu fassen. Sie sahen aus wie dürre, geschorene Wasserböcke ohne Gehörn, fleckig, räudig und braun wie Lehm. Nur wenig an ihnen erinnerte an die freien, schönen Wölfe in den Flusswäldern von Strömenholz. Scheinwölfe waren das, kaum verdienten sie den Namen „Wolf“.
Auch Kauzer umringten und bekläfften sie, doch dem taten sie nichts. Wahrscheinlich packte sie das Erbarmen beim Anblick des jämmerlichen Kinderkörpers. Sogar noch kleiner als die Bräunlinge war der Wettermann.
Ein Pfiff gellte, und das knurrende Viehzeug wich von Lasnic und dem Wettermann zurück. Vier Scheinwölfen zogen die Braunen nun Ledergeschirr über die Schädel und befestigten die Riemen daran, die sie in die Netzmaschen gehängt hatten. Wieder ein Pfiff, und die Scheinwölfe zogen an. Sie zerrten die Netze mit Lasnic und dem alten Wettermann durch Farn, Unterholz und Geröll. Bald nur noch durch Geröll, und Lasnics Schädel verwandelte sich wieder in einen Paukenkessel, der auf Steinen und Aststrünken aufschlug. Der Waldmann ächzte und stöhnte.
„Wohin?“, quetschte er hervor. „Wohin schleppen sie uns?“ Sein Mund war trocken, sein Herzschlag ein Trommelwirbel.
„Wirst’s abwarten können“, krächzte links von ihm Kauzer, der gute Freund des Schicksals.
Eine Ahnung beschlich Lasnic, eine Ahnung, in welche Gegend man sie verschleppt hatte: die Felskessel am Parderfluss. Acht Tagesmärsche von Strömenholz’ Hauptsiedlung Stommfurt entfernt. Auf früheren Jagdzügen hatte er hier schon gelagert.
Er hörte die Wölfe hecheln und die Bräunlinge palavern. Irgendwo außerhalb seines Sichtfeldes grunzte das Schwein. Sein Lederhemd war bis zu den Schulterblättern heraufgerutscht, und das Geröll scheuerte seinen Rücken wund. Zwischen den Bäumen weideten gesattelte Tiere, die erinnerten ihn an eine Mischung aus Elchkühen und Wasserantilopen. Andere waren gehörnt, massig und bockartig. Aus dem Augenwinkel sah er, dass Kauzer über ihn hinweg in die wenigen Kiefern starrte, die hier herumstanden.
„Was ist los, Freund des Schicksals?“ Lasnic folgte dem Blick des Wettermannes und hielt die Luft an: Schädel hingen an den hellbraunen Stämmen. Aufgespießt auf abgeschlagene Äste starrten fünf blaugraue Gesichter aus toten Augen von fünf Kiefernstämmen herab. Die toten Gesichter von zwei Jagdkerlen und drei Jungjägern. Die toten Gesichter der Gefährten. An jedem Kiefernstamm eines.
Lasnic sperrte den Mund auf, kein Ton wollte ihm über die Lippen. Einer der Jagdkerle hatte ihm das Bogenschießen beigebracht. Mit den Jungjägern war er aufgewachsen. Die hatten im Nachbarbaum gewohnt. Als Flaumbärte hatten sie gemeinsam zwei Hirsche und einen Sumpfbären erlegt – sieben Sommer her –, danach hatten Gundloch und seine Eichgrafen sie endlich zu tauglichen Jungjägern erklärt.
Und jetzt stierten ihre toten Augen aus ihren abgeschlagenen Köpfen von diesen Kiefern da herab. Es kam Lasnic vor, als zerrten die Wölfe sein Netz besonders langsam unter ihnen vorbei. Nicht einmal einen Fluch brachte er zustande. Jede Regung in ihm erstarrte, jeder Gedanke. Das Geröll unter seinem wunden Rücken schien in seine Brust einzudringen und sie vollständig auszufüllen.
Den nächsten Pfiff hörte er kaum. Die zahmen Wölfe blieben stehen und setzten sich auf die Hinterläufe. Endlich lag Lasnic still. Die Netzmaschen schnitten in seine Haut, engten seine Brust und seinen Hals ein. Er fürchtete zu ersticken, gab sich redlich Mühe, diese Furcht mit vernünftigen Erklärungen zu bändigen: Man erstickt in keinem Jagdnetz, man erstickt höchstens an seiner Kotze, wenn man nämlich auf dem Rücken liegt beim Kotzen. Hundert neue Ängste überfielen ihn: die Angst, dem Brechreiz nachgeben zu müssen; die Angst, sie könnten ihm den Schädel abschneiden; die Angst, sie könnten ihn in ein Feuer werfen …
Die Bräunlinge rotteten sich in zwei großen Gruppen zusammen. Dazwischen der mit dem Schwarzmantel und dem roten Stirntuch. Neben ihm sein Wolf. Der hatte ein buschigeres Fell als die anderen, ähnelte mehr einem wilden Wolf als sie. Sein Herr deutete über irgendeinen Abhang in irgendeine Tiefe, blaffte nach rechts und links. Vermutlich standen sie vor einem der Felskessel, die es hier gab.
Lasnic versuchte, die Angst und den Schmerz in Schädel und Nacken weg zu atmen. Als er wieder Augen für seine Umgebung hatte, entdeckte er plötzlich auch rechts von sich einen in Netzmaschen eingeschnürten Körper.
Gundloch, seinen Waldfürsten!
Wie ein schlaffer Rindensack lag er da, atmete hechelnd, blutete aus vielen Wunden. Barthaar und Haupthaar waren vollständig versengt, kräuselten sich wie ausgedörrte Walnussschalenfasern. Und so ähnlich stank er auch: nach verfaulten Nüssen, Pisse und verbranntem Haar. Und seine Haut! Lasnic erschrak bis ins Knochenmark – Gundlochs Haut hatte die Farbe einer schon verrottenden Wasserleiche.
„Gundloch“, flüsterte er. „Kannst du noch?“
„Vorbei …“, röchelte der Waldfürst von Strömenholz.
„Du musst durchhalten, Waldfürst.“
„Nix da ‚durchhalten’ …“ Gundloch wandte sich zu ihm. Sein linkes Auge war zugeschwollen, seine Lippen aufgeplatzt. „Heute geht’s zurück …“ Er verzerrte seine geschundene Miene zu etwas, das wohl ein Lächeln sein sollte; kaum Zähne ragten noch aus seinen blutigen Kiefern. „Zurück ins Vorjahrslaub …“
„Bloß nicht! Verdammte Marderscheiße, mein Waldfürst – du darfst uns doch nicht verlassen!“ Jetzt erst wurde Lasnic klar, wie ernst ihre Lage war: tödlich ernst. „Bitte!“ Vergeblich versuchte er, die Tränen zu unterdrücken. Einer der Bräunlinge fuhr herum, schnalzte mit der Zunge und trat ihm in die Nieren. Lasnic heulte auf wie ein zahmer Wolf.
„Wen soll ich … um Erlaubnis fragen?“, stöhnte Gundloch. „Dich etwa? Hör auf zu flennen … und stirb wie ein Waldmann …“ Er zischte einen Fluch, spuckte blutigen Schleim aus, hustete. Dann stammelte er: „Verflucht schade um dich, Kleiner …“ Er riss das noch nicht zugeschwollene Auge auf und sein Blick schien sich direkt in Lasnics Hirn zu bohren. „Viele haben wir nicht mehr … von deiner Sorte … ich dachte immer, du wirst einmal mein …“ Ein Hustenanfall erstickte seine Stimme.
„Einer hat geredet“, flüsterte Kauzer.
„Woher weißt du das?“, fragte Lasnic.
„Ich höre es aus ihrem Palaver heraus – sie wissen, wo unsere Siedlungen liegen, sie kennen die Stellen, wo wir unsere Großkähne in den Schilffeldern am Strom versteckt haben.“
„Du verstehst ihre Sprache?“ Lasnic staunte den Wettermann an.
„Ein paar Brocken nur.“
„Farner überlebte am längsten …“, keuchte der Waldfürst. „Sie haben ihn fürchterlich hergenommen … er muss es gewesen sein … ja, er hat geredet …“ Zwei Bräunlinge rissen Gundloch hoch. Das blutige Netzbündel, das er noch war, krümmte sich und röchelte.
„Wir müssen die anderen warnen“, flüsterte Lasnic. „Die Waldfürsten, die Eichgrafen …“ Er hatte keine Ahnung, was als Nächstes kam, wollte es auch gar nicht wissen.
„Wir müssen zum Vorjahreslaub fallen“, erklärte Kauzer in größter Ruhe. „Es ist vorbei.“
„Wir müssen überleben, verflucht noch mal!“
Während sie stritten, packten die Bräunlinge den Waldfürsten und stießen ihn über die Kante des Felskessels. Einfach so. Lasnic glaubte, in einen Albtraum zu stürzen. Doch er hörte den Aufprall, er hörte Geröll prasseln, er hörte das Schwein, wie es grunzte und schnaubte. Es war kein Traum.
Die Bräunlinge grienten, bückten sich nach Lasnic und dem Wettermann und rissen an den Maschen ihrer Netze.

 

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