„Günther Jauch“ – lebst du noch oder klatscht du schon?

Gestern, nach unterirdischem Tatort, bin ich bei „Günther Jauch“ hängen geblieben. „Putin auf dem Weg in die Diktatur?“ So ähnlich. Es ging vor allem um den Mord an Boris Nemzow. Seine Tochter war unter den Gästen. Dazu Menschen, die sich vom Kreml bedroht fühlen und Menschen, die für einen Ausgleich mit Russland plädieren. Und russische und deutsche Medienmenschen. Brisantes Setting, ernstes Thema, will ich jetzt nicht vertiefen. Nur dies: SIE HABEN WIEDER GEKLATSCHT.
Ich meine die Masse, die man zu solchen Anlässen in ein ARD oder ZDF-Studio karrt, um der Veranstaltung so etwas wie einen seriösen Öffentlichkeitscharakter zu geben. Ich meine die Leute. Die haben geklatscht.
„Eine solche Sendung wäre im russischen Fernsehen niemals möglich“ – sie klatschen. „Mein Freund Boris hatte Angst, dass Putin ihn töten lässt“ – sie klatschen. „Mein Vater wusste, dass er gefährlich für Putin ist“, sie klatschen. „Wir dürfen in so einer sensiblen Situation nicht schwarz-weiß malen“ – sie klatschen. „Russland ist doch längst eine Diktatur“ – sie klatschen. „Wir sind das Volk“ – sie klatschen. „Wir sind die Klatschdeppen“ – sie klatschen.
Okay, ich karikiere ein bisschen. Dennoch – sie klatschten gestern Abend, als reisten sie zweimal im Jahr nach Russland, als wären sie alle Russlandexperten. Peinlich. Und zugleich ein Abbild dessen, was wir Demokratie nennen.
Ich spreche von viel zu vielen Ahnungslosen, die sich für heute oder auch nur für diesen Augenblick von Bildern, Schlagworten, sympathischen Gesichtern etc. entflammen lassen und solchermaßen erregt und in Wallung gebracht – klatschen, den Daumen senken, abstimmen. Demokratie halt.
Neurologische Erregung als Grundlage einer Wahl, einer Zustimmung, einer Ablehnung? Herzlichen Glückwunsch weiterhin.
Möglicherweise kriegen diese Leute ja auch vor Beginn der Sendung von öffentlich-rechtlichen Jauch-Coaches eine Art Klatschcrashkurs verpasst. Noch peinlicher. Die ernstesten Themen, der mutigste Widerstand, die bewegendsten Schicksale werden auf diese Weise zum Medienspektakel entwürdigt, zu einem bloßen Nachrichtenwert, zu Pseudoleben aus dritter Hand, zu zerstreuender Unterhaltung nach aufregender Sportschau oder stressigem Tatort. Und auch das wirft ein grelles Licht auf uns und unsere Wirklichkeit.

10. März, 2015

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