Große Geschichten vom kleinen Volk (Leseprobe)

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BULLERBOKS ENDE

Bericht aus dem Leben eines Halblings

 
Bullerboks Bestattung, erster Teil

Es sah Bullerbok ähnlich, halb Kluftenheim auf der Alten Brücke über
der Schlucht antreten zu lassen. Längst tot und zu Asche verbrannt,
gelang es ihm immer noch, sein bemerkenswertestes Talent auszuspielen:
Die Halblinge von Kluftenheim in Angst und Schrecken zu versetzen.
Sein einziges Talent, wie viele behaupteten.
Für die kräftige Morgenbrise konnte er natürlich nichts. Ohnehin
bedurfte die uralte Hängebrücke gar keiner Windböen, um zu schwanken
und zu knarren, dass jedem durchschnittlichen Halbling die Haare
zu Berge standen – die sanften Schritte eines Halblingsmädchens genügten.
Und an diesem Morgen trotteten gleich zwölf ausgewachsene
Halblinge auf einmal auf die Brücke, ganz zu schweigen von den
Sumpfhunden, die den Katafalk mit der Urne hinter ihnen herzogen.
Und dem Hundegespann folgten jetzt auch noch Dutzende Kluftenheimer;
viele bewegten stumm die Lippen, weil sie im Stillen die Göttin
anriefen.
Uldur, der den Trauerzug anführte, verlangsamte seinen Schritt nicht,
hielt sich nicht einmal am Geländer fest. Um einem wie ihm Angst einzujagen,
brauchte es mehr als ein bisschen wackelndes und knarrendes
Holz. Er spähte in die tausend Fuß unter ihm liegenden schäumenden
Fluten des Kluftens – mal durch die breiten Lücken zwischen den
Brückenbohlen,
mal über das Geländer hinweg –, und er empfand weder
Schwindel noch Grausen. Der alte Uldur hatte einfach schon in zu viele
Abgründe geblickt.
Sein Ziehsohn Davidor dagegen hielt sich an Uldurs Mantel fest und
tapste mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen neben ihm her.
Das hatte Uldur ihm dringend empfohlen. Übermäßige Angst – genau
wie übermäßige Wut übrigens – versetzten Davidor nämlich leicht in
Erregungszustände, unter deren Einfluss er Dinge tat, die wirklich keiner
erleben wollte. Wenn Davidor einen schlechten Tag hatte – und
wegen der vielen Bestattungen in letzter Zeit befürchtete Uldur genau
das –, wenn er also einen wirklich schlechten Tag hatte, reichte eine baufällige
Brücke über einer tiefen Schlucht völlig aus, um ihm die nötige
Angst für echte Dummheiten einzujagen.
Mehr als hundert Schritte lang war die Alte Brücke. Von ihrem Ende
aus führte ein Pfad noch einmal neunzig Schritte weit zur knapp dreihundert
Fuß hohen Westwand, und zwar zum Westkamin. Über diesen
gelangte man hinauf in die Flusswälder. Wenn man klettern konnte.
Wer in die Sümpfe wollte, musste auf der anderen Seite des Kluftens den
Kamin in der Ostwand nehmen.
Man muss sich Kluftenheim also als zweistöckige Schlucht vorstellen:
Auf der Sohle des oberen, breiteren Stockwerks – dreihundert Fuß
unterhalb der Flusswälder und der Sümpfe – lagen die Stolleneingänge
der Halblinge, standen ihre Gewächshäuser, Stallungen und das
Gemeinschaftshaus.
Im unteren und schmaleren Stockwerk floss, noch
einmal tausend Fuß tiefer, der Kluften.
Fünfzig Schritte vor dem Ende der Brücke blieb Uldur stehen,
berührte die Schulter des viel kleineren Davidor, damit auch er anhielt,
und drehte sich dann um. Er winkte den Koloniemeister Wombar
und die Grottenmeisterin Mumbel an sich und Davidor vorbei,
ebenso die anderen zehn Halblinge des Ältestenrates. Auch die Hundeführer
und den Hundekarren mit dem Katafalk und Bullerboks Urne
hieß er passieren, genau wie danach die etwa vierzig Angehörigen von
Bullerboks Sippe. Viele, die nun an Uldur vorbeischlichen, gehörten
auch zu seiner eigenen Verwandtschaft: Bullerbok war sein Enkel gewesen.
Die Brücke knarrte und schwankte noch heftiger unter dem Klatschen
so vieler nackter, haariger Füße. Wer konnte, klammerte sich am
Brückengeländer oder am Hundekarren fest – oder wenigstens an
jemandem, der ein Stück Brückengeländer oder Hundekarren zu greifen
bekommen hatte. Doch schließlich verebbten Knarren, Klatschen und
Scharren, und das Schwanken ließ nach; alle standen wieder still.
Die meisten vermieden es, in die Tiefe zu sehen, fast jeder starrte den
Alten an. Kaum einer bewegte jetzt noch die Lippen. Doch Uldur, der in
Gesichtern lesen konnte wie kein zweiter, entdeckte die Furcht selbst in
den Zügen der abgebrühtesten Halblinge; selbst in den eckigen Zügen
Wombars, der sonst ein Meister darin war, seine Gefühle zu verbergen.
Manchmal fragte Uldur sich, ob der Koloniemeister überhaupt welche
empfand.
Wer nicht zu den Oberhäuptern Kluftenheims oder zur Sippe Bullerboks
zählte, hatte darauf verzichtet, die Brücke zu betreten. Doch
gekommen war die gesamte Kolonie, soweit Uldur das überblicken
konnte. Kein Kluftenheimer hatte an diesem Morgen im Stollensystem
oder in seiner Grotte zurückbleiben wollen. Einen wie Bullerbok bestattete man
nicht jeden Tag.
Uldur überzeugte sich davon, dass sich alle auf der Brücke eingefunden
hatten, deren Anwesenheit die altehrwürdigen Sitten verlangten.
Da er niemanden vermisste, langte er in die Tasche seines schwarzen
Wildschweinledermantels und zog die Zettel mit der vorbereiteten
Rede heraus.
Davidor, der die Augen immer noch geschlossen hielt,
hatte es wohl rascheln gehört. Zumindest legte den Kopf in den Nacken
und tastete schon einmal nach der Schleuder in seinem Gurt. Uldur entfaltete
seine vollgeschriebenen Blätter und räusperte sich.
»Typisch Bullerbok, halb Kluftenheim hier auf der Alten Brücke
antreten zu lassen«, begann er. »Selbst tot und zu Asche verbrannt,
schafft er es immer noch, euch Angst und Schrecken einzujagen, hab’
ich Recht? Uns seine Asche von der Neuen Brücke oder vom Ufer aus
über dem Kluften ausstreuen zu lassen, hätte doch vollkommen ausgereicht!
Aber so war er eben, und der letzte Wille eines Sterbenden muss
nun einmal ausgeführt werden. So hielten es schon unsere ehrwürdigen
Vorväter und Vormütter, nicht wahr?«
Keiner auf der Brücke antwortete. Natürlich nicht. Nur drüben, hinter
dem Geländer vor der Schlucht, rechts und links des Brückenzugangs,
nickten einige der knapp dreihundert Kluftenheimer, die das
Glück hatten, weder zum Ältestenrat noch zu Bullerboks Sippe zu gehören.
»Andererseits – haben wir es besser verdient?«Uldurs für einen Halbling
ungewöhnlich tiefe und raue Stimme hallte von den Felswänden
wider. »Ich muss euch ja nicht daran erinnern, wie grob wir ihn manchmal
behandelt haben.«Uldur sagte »wir« und meinte »ihr« – jeder begriff
das, und unter den Ältesten sah er einige sich aufblähen und den Mund
aufsperren, als hätten sie allerhand einzuwenden. Doch seelenruhig ließ
der Alte seinen Blick über die Menge wandern, bevor er ihn wieder auf
seine Notizen richtete. Keiner würde ihm in die Parade fahren: Bei der
Bestattung eines Kluftenheimers galt es als unschicklich, Schlechtes
über den Toten auch nur anzudeuten. Höchstens ein hoch geachteter
Patriarch durfte sich das erlauben – einer wie Uldur, der die Meere gesehen
und die Große Wildnis durchquert hatte.
»Einige von euch haben es ja schon immer gesagt«, fuhr er fort. »›Es
wird mal ein schlimmes Ende mit dem Feuerkopf nehmen‹, habt ihr
gesagt. Doch so schlimm? Das hätte niemand vermutet und auch niemand
ihm gewünscht. Hoffentlich nicht einmal einer von euch, die ihr
vor ein paar Monaten noch schlaflose Nächte verbracht habt, weil euch
die Angst plagte, er könnte euer Schwiegersohn werden.«
Einige Halblingsmänner unter den Ältesten und in der Menge am
Ufergeländer senkten betreten die Blicke oder malten mit den Zähnen.
Und etliche Mädchen vor der Brücke liefen rot an; manche begannen
sogar zu schluchzen.
»Statt eines Schwiegersohns oder eines Gatten haben Davidor und
ich euch nun einen Toten zurück nach Kluftenheim gebracht. Statt eines
geflohenen Verurteilten, eine Amphore voller Asche. Einige unter uns
werden das vor allem deswegen bedauern, weil nun eine Menge von
Rechnungen unbezahlt bleiben, und ich fürchte, ich rede von der Mehrzahl
der Kluftenheimer.«
Wieder ließ er seinen Blick über den Ältestenrat, Bullerboks Sippschaft,
die Sumpfhunde mit dem Katafalk und die Menge vor der alten
Hängebrücke schweifen. Die Spiegel in den Steilwänden rechts und
links der Schlucht sandten bereits das erste Licht der Morgensonne auf
die schweigende Trauergesellschaft hinab. Wie still sie standen, wie sie
lauschten, wie sie es vermieden, über die Brüstung oder durch die Fugen
zwischen den Holzplanken zu äugen – so gefiel es Uldur, so liebte er
seine stolzen Kluftenheimer.
»Doch nun ist es zu spät, Rechnungen einzuklagen«, fuhr er fort.
»Nun weilt Bullerbok nicht mehr unter uns. Wer mag, soll der Göttin
Vorwürfe deswegen machen, wir anderen aber wollen unsere Pflicht tun
und Bullerboks Asche dem Kluften übergeben, dessen Wogen ihn zurück
zu uns nach Kluftenheim gespült haben, als er noch kaum seinen
Namen aussprechen konnte.«
Uldur räusperte sich, steckte das vordere Blatt seiner Notizen nach
hinten und fuhr fort: »Zuvor aber lasst uns auf sein Leben zurückblicken
und die Geschichte seines Endes hören.«

Die Frau im Wald

Im dritten Jahr nach meiner Rückkehr aus der Großen Wildnis geschah,
was keiner von uns je vergessen wird: Ein Troll stieg während der
Schneeschmelze aus der Schlucht herauf nach Kluftenheim, ein besonders
grobschlächtiges und ekelhaftes Exemplar dieser üblen Gattung.
Der Unhold erschlug drei unserer tapfersten Jäger und raubte den gerade
erst von der Mutterbrust entwöhnten Bullerbok. Der Kluften führte
Hochwasser in jenem Frühjahr, und herabstürzende Eiszapfen zerstörten
etliche unserer Sonnenspiegel.
Bullerboks Eltern – mein ältester Sohn und meine Schwiegertochter
– stiegen an der Spitze von zehn Jägern in den Westkamin und kletterten
in die Wälder hinauf, um der Fährte des Trolls zu folgen und ihr
Kind zu befreien. Davon nur so viel: Keiner kehrte lebend nach Kluftenheim
zurück; von manch einem blieben sogar die sterblichen Überreste
bis auf den heutigen Tag verschollen.
In jenem Frühjahr schwoll der Kluften noch fast bis zur Schluchtkante
an, und an einem Tag rissen die schäumenden Wogen die enthauptete
Leiche des Trolls an den Gewächshäusern und Schweinställen
vorbei. Und wenige Stunden später auch das Körbchen mit dem
schreienden, rothaarigen Kind. Hier, an der Alten Brücke blieb es hängen.
So kehrte Bullerbok nach Kluftenheim zurück.
Was geschah in den beiden Frühlingsmonaten oben im Wald, in der
Höhle des Trolls? Wir wissen es nicht. Was musste er erleiden in den
Fängen des Scheusals, der wehrlose kleine Halbling? Auch das wissen
wir nicht …

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