Die Rote Löwin (Leseprobe)

«zurück

„die rote Löwin“

Fünf große Zuber fasste das herzogliche Badehaus. Dazu an jeder Längswand vier lange Reihen Holzbänke für das Dampfbad, terrassenförmig angeordnet. In der Mitte des großzügig gebauten Gewölbes: Krüge, Eimer und Kuhlen für die Waschungen und Güsse. Unter der Fensterseite die Liegen und Hocker, an denen der Bader seiner Heilkunst nachging, und die Regale mit den Gerätschaften, die er dafür brauchte: Schröpfgläser, Messer, Wundlöffel, Zahnzangen, Schüsseln und dergleichen.
Laurenz stand nicht der Sinn danach, heute noch zur Ader gelassen oder geschröpft zu werden. Ein Bad war ihm Wohltat genug. Er fühlte sich gesund; nicht einmal ein Zahn tat ihm weh. Dem gerechten Gott sei Dank! Und wenn er Wittenberg in drei Tagen wieder verließ, würde er sich „künftiger Bischof von Havelberg“ nennen dürfen. War er nicht ein gesegneter Mann? Wahrhaftig, das war er!
Stimmengewirr und Gelächter hallten durch das Gewölbe. Im Zuber neben dem Portal zum Ruheraum sang ein Ritter ein Lied. Sein Waffenträger, ein hübscher Bursche, stand nur mit Hüfttuch bekleidet neben dem Zuber und zupfte die Laute. Von irgendwoher tönte ein „Bravo!“. Die gesamte Badegesellschaft schien bester Dinge zu sein. Dampfschwaden wogten über Zubern und Bänken, bunte Kacheln glänzten feucht im Fackelschein und einfallendem Sonnenlicht.
Der Vorhang zum Ruheraum bewegte sich. Ein Fremder schob ihn zur Seite, blickte sich um, fasste den Zuber ins Auge, in dem auch Laurenz lag. Der machte sich so lang er nur konnte. Schnurstracks nahm der dürre Fremde den Weg, den Laurenz befürchtet hatte. Er grüßte zum Zuber hinüber, in dem König, Herzog und Erzbischof badeten, ließ sein Lendentuch fallen und stieg zu Laurenz und seinen Badegenossen ins Wasser.
Laurenz ärgerte sich, machte sich noch länger und seine Beine noch steifer, grüßte jedoch mit ausgesuchter Freundlichkeit. Der Fremde, nicht besonders groß, war ganz und gar kahl geschoren, trug nicht einmal einen Bart. Er hatte ein knochiges, auffallend kantiges Gesicht mit großer, scharf geschnittener Nase. Doch erst an seinen Augen erkannte Laurenz ihn wieder: grau und habichtsartig traten sie ein wenig aus den Höhlen.
Der Mann in der schwarzen Kutte! Der Mann, der bei der Eucharistiefeier die Maus zertreten hatte!
Unwillkürlich rutschte Laurenz ein Stück von ihm weg. Ihm war nicht mehr wohl in seiner Haut. Er lächelte, wich dem Blick des Fremden aus, sah zum singenden Ritter hinüber, zum hübschen Lautenspieler, zum Vorhang vor dem Ruheraum.
Die Betten dort lagen hinter Vorhängen, wie man Laurenz erzählt hatte. Dass ein Vorhang im Portal auch den Ruheraum selbst vor neugierigen Blicken schützte, fand er überaus angenehm. Er beabsichtigte nämlich im Laufe des Bades noch eines der Betten in Anspruch zu nehmen. Den Fremden behandelte er wie Luft.
Alle Zuber waren von ovalem Grundriss und boten Platz für jeweils sechs Badende. Über die Mitte der Längsseite lag ein Tafelbrett mit Weinbechern zwischen Tellern und Schüsseln voller Speisen: Früchte, Fleisch, Brot, Gebäck, Gemüse. Der Mundschenk des Herzogs selbst ging mit einem Krug von Zuber zu Zuber und schenkte Wein nach.
Zugleich mit dem Fremden beugte Laurenz sich nach vorn zum Tafelbrett. Einen Wimpernschlag lang belauerten sie sich Auge in Auge. Der Unbekannte griff sich ein Stück Spanferkel. Laurenz fiel der schwarze Stein am Finger seiner Linken auf. Das Wappen darauf konnte er nicht erkennen; zu schnell lehnte der andere sich wieder zurück.
Laurenz selbst wollte in den Teller mit dem Gebäck langen, doch die beiden letzten Zuckerstangen lagen über Kreuz. So nahm er sich lieber eine Traube Weinbeeren. Jede Art von Kreuzform, die ihm hier in Wittenberg begegnete, betrachtete er als gutes Omen für seine Bischofswahl. Sie zu berühren, womöglich zu zerstören, würde ihm ganz gewiss Unglück bringen.
Zu fünft hockten sie nun in Laurenz’ Zuber. Zum Glück war es ihm gelungen, sich den Platz in der Mitte zu sichern, zwischen einer Hofdame und einem hübschen, jungen Ritter namens Kuno. Hier war der Zuber am breitesten, und niemand saß dem beleibten Domdekan von Magdeburg gegenüber, so dass er seine langen, nicht eben zierlichen Beine ausstrecken konnte, wie er wollte. Allerdings achtete er darauf, den Fremden nicht zu berühren.
Eine junge, strohblonde Magd goss heißes Wasser nach, wohlige Wärme umwogte Laurenz’ Bauch, Hoden und Hintern. „Wunderbar, mein Kind, das machst du ganz wunderbar.“ Er rutschte bis zum Hals in duftenden Schaum und dampfendes Wasser und stemmte seine Beine neben Norbert von Fulda gegen die andere Seite des Zubers.
Quer über Tafelbrett und Zuber hinweg scherzte Norbert mit dem schwarzhaarigen Kuno. Der hübsche flaumbärtige Ritter sprach einen schwer verständlichen Dialekt, und Norbert, ein frommer Benediktinerabt, lehrte ihn, die zehn Gebote auf Mittelhochdeutsch zu sprechen. Beide hatten ihren Spaß; die kichernde Hofdame sowieso.
Die Magd lächelte auf Laurenz herab und drückte den Krug an ihren kleinen Busen. Hübsches Kind, vierzehn Jahre alt höchstens. Der Anblick solch jungen Fleisches – gleich, ob Knabe oder Mädchen – vermochte Laurenz im Nu zu entflammen. „Danke, mein Kind.“ Er seufzte behaglich. „Gott segne dich.“ Die Magd entfernte sich, und der Dekan lauschte ihren klatschenden Schritten hinter sich.
Wahrhaftig: allein das zu hören – die lieblichen Schrittchen ihrer nackten Füßchen –, allein das schon erhitzte das Blut in seinen Lenden.
„Kaum zu fassen, dass Heiden sich derart paradiesische Wonnen ausdenken können“, tönte es von der anderen Seite des Tafelbrettes. Dort stopfte Norbert von Fulda sich inzwischen mit Entenschlegeln voll und spülte das Fleisch mit Wein hinunter. Morgen sollte er dem König für den Bischofsstuhl von Naumburg vorgeschlagen werden. „Habe ich nicht recht, mein lieber Bruder Laurenz?“
„Und wie recht Ihr habt.“ Laurenz sah, wie der Habichtsäugige der Magd hinterher sah; wahrscheinlich wackelte sie wieder genauso anmutig mit ihrem süßen Popo wie vorhin, als sie zum Zuber gegenüber schritt, um dem Herzog Bernhard und dem König Phillip den Rücken zu schrubben. „Gönnen wir es den Heiden doch“, sagte Laurenz. „Die armen Seldschuken müssen dafür in der Hölle brennen, wenn ihr eitles Leben mit seinen eitlen Wonnen hinter ihnen liegt.“
„Eitles Leben, eitle Wonnen, ja, ja.“ Norbert lachte. „Paradiesische Wonnen allerdings.“ Norbert lachte lauter, hob seinen frisch gefüllten Kelch und prostete einem nach dem anderen zu. „Beinahe paradiesisch jedenfalls, will ich sagen.“
„Und wie schnell all das hinter einem liegen kann, nicht wahr?“ Der Fremde hatte eine erstaunlich tiefe Stimme. Sie brachte das Wasser auf Laurenz’ Haut zum Vibrieren. Sein Nackenhaar richtete sich auf. „Das Leben, die Wonnen, die Eitelkeit, alles.“ Wie Laurenz und die anderen auch, griff er nach einem Kelch und trank.
„Danken wir Gott im Himmel für die Zeit, die wir auf Erden weilen dürfen“, säuselte die Hofdame links von Laurenz. Der nickte ihr lächelnd zu. Graue Strähnen zogen sich durch ihr Haar, und ihre Brüste welkten bereits. Wahrscheinlich war sie früher einmal schön gewesen.
„Und bitten wir ihn um Klugheit, diese Zeit sorgfältig zu nutzen“, sagte der Fremde leise.
Und der hübsche Ritter rechts von Laurenz rief in knödelndem Mittelhochdeutsch: „Ein Hoch auf Herzog Bernhard von Sachsen, der uns diese lustvollen Stunden in seinem Prachtbad geschenkt hat!“ Norbert von Fulda lachte laut, doch alle hatten Kuno wohl verstanden, denn überall in den Zubern griffen Männer und Frauen nach ihren Weinkelchen, prosteten einander zu und tranken auf den Herzog.
Phillip von Schwaben hielt Hof hier in Wittenberg. In der Burg von Herzog Bernhard, der ihn Anfang des Jahres mit einigen anderen Reichsfürsten zum König gewählt hatte. Leider hatten im Januar zu Aachen etliche Fürsten gefehlt; und leider hielt es auch der Papst noch mit deren Favoriten Otto.
Laurenz prostete hinüber zu seinem Erzbischof im Zuber des Königs und des Herzogs. Der Greis nickte nur, verzog keine Miene; er trank keinen Wein, den vertrug er nicht. Laurenz hatte diesem alten Bauernsohn geraten, entgegen der päpstlichen Politik dem Lager der Staufer die Treue zu halten und Phillip, den Sohn des Rotbarts, als König anzuerkennen. Der Dompropst von Magdeburg, auf Italienreise wie meist, hätte ihm zu Otto geraten. Innerlich klopfte Laurenz sich auf die Schulter. Und trank auf sein eigenes Wohl.
„Vom Fenster des Rittersaals aus sah ich Euch gestern an Land gehen, Hochwürden.“ Die Hofdame rückte näher. „Wer war denn der edle Herr mit den blonden Locken, der mit Euch und dem Erzbischof im Schiff reiste?“
„Pirmin von Paris.“ Das Mädchen tauchte vor dem Zuber auf, Wasser dampfte aus seinem Krug. „Ist seit neustem Domscholaster von Magdeburg. Lehrt an der Domschule.“
„Der berühmte Pirmin von Paris?“ Die Hofdame schlug die Hände zusammen und guckte ganz verzückt. „Der ist jetzt Lehrer an Eurer Domschule? Man hört nur Gutes über ihn. So gelehrt und fromm er sei, so schön sei er auch.“
„Schon möglich, edle Dame.“ Die hübsche Magd goss wieder heißes Wasser nach, diesmal von der anderen Seite des Zubers. Wohlige Wärme hüllte Laurenz’ Füße und Beine ein. Er lächelte ihr zu, und sie lächelte auf lieblichste Weise zurück.
Dieses Weizenhaar, diese leuchtenden blauen Augen, diese niedliche Stupsnase, dieser schöne Kussmund! Höchste Zeit, dem Kind ein Zeichen zu geben. Natürlich musste es vor ihm in den Ruheraum gehen, das war er seinem Amt schuldig.
Der Fremde langte aus dem Schaum, packte den Arm der Weizenblonden und zog sie zu sich herunter in die Hocke. Er flüsterte ihr ins Ohr. Laurenz fiel das Lächeln aus dem Gesicht. Was, beim Heiligen Moritz, hatte das jetzt zu bedeuteten?
„Wie großzügig er doch ist, unser geliebter Herzog Bernhard“, flötete ihm von links die Hofdame ins Ohr. „Dass er uns in sein neues Badehaus eingeladen hat!“ Unter Wasser tastete sie nach seiner Hand. „Wie freundlich, nicht wahr, Hochwürden?“
Sie lächelte Laurenz ins Gesicht, und der lächelte zurück, ohne es recht zu merken. Er hörte auch kaum noch zu, denn der Fremde stieg aus dem Zuber, bückte sich nach seinem Tuch und schritt zum Portal vor dem Ruheraum. Laurenz blickte sich um. Wo steckte denn die hübsche Magd auf einmal?
„Schade, dass der edle Pirmin Euch nicht ins Badehaus begleitet hat. Hätt’ ihn so gern kennengelernt.“ Die Hofdame drückte ihren Schenkel gegen seinen. „Gehört Ihr denn auch zu denen, die der König morgen empfangen will, Hochwürden?“ Zum ersten Mal zweifelte Laurenz, es mit einer Hofdame zu tun zu haben.
„Und ob er zu denen gehört!“, tönte Norbert von Fulda. „Und sein Erzbischof gehört zu den Klugen des Reiches, die König Phillip mit der Kaiserkrone auf dem Haupt sehen wollen.“ Der Vorhang zum Ruheraum fiel hinter dem Fremden mit den Habichtsaugen zu.
„Ludolf von Kroppenstedt, der Erzbischof von Magdeburg, wird mich morgen dem König zur Wahl für den Bischofsstuhl von Havelberg vorschlagen.“ Laurenz lächelte bescheiden; sein Blick suchte die junge Magd. Verschwunden, einfach verschwunden.
„Wie schön für Euch, Hochwürden!“ Die Frau tat entzückt, legte ihre Hand auf seine Schulter. „Und wie schön für das Reich. Das braucht fromme und tapfere Bischöfe wie Euch. Vor allem östlich der Elbe, wo noch so viele Heiden ihr sündiges Unwesen treiben.“
„Sicher doch.“ Unter Wasser drückte er ihre Hand und erhob sich.
„Noch gar nicht lange her, dass der Herzog dieses Badehaus eingeweiht hat.“ Die Frau blicke zu ihm hoch, redete einfach weiter.
„Ich weiß, edle Dame.“ Als hätte sie ihn angesprochen, ergriff wieder Norbert das Wort. „Es ist in morgenländischem Stil erbaut.“ Laurenz stieg aus dem Zuber. Sein Blick streifte flüchtig den schwarzen Stein an Kunos Ringfinger. Er stutzte kurz, verhüllte seine Lenden, wandte sich ab. „Nach Plänen seines Oheims, wie man hört“, tönte Norbert. „Der ist dem Kaiser auf seinem Kreuzzug gefolgt und hat die heidnischen Badefreuden im Palast eines Sultans erlebt.“
Die Stimme Norberts blieb hinter Laurenz zurück. Er grüßte freundlichst nach allen Seiten, schaukelte an den Zubern vorbei dem Vorhang zum Ruheraum entgegen. Der König forderte den ritterlichen Sänger auf, ein Lied anzustimmen, das er Walther von der Vogelweide in Magdeburg hatte singen hören, unter der Fensterwand brüllte einer ganz viehisch, dem der Bader einen Zahn herausbrach, und im Schaum vor dem singenden Ritter glaubte Laurenz eine Kreuzform zu erkennen. Er trat in den Ruheraum.
Der Vorhang fiel hinter ihm vors Portal, Stimmen und Gesang dahinter klangen nur noch gedämpft. Laurenz schlich von Bett zu Bett. Vor dreien waren die Vorhänge vorgezogen. Er lauschte. Hinter den schweren, roten Samtstoffen kicherte, stöhnte und ächzte es.
Hinter einem am Ende des schmalen Raumes flüsterte eine Mädchenstimme. Die Magd! Er beugte sich näher an die Ritze zwischen Vorhang und Bettrahmen, sah Blondhaar und nackte Haut. Plötzlich zischte eine Männerstimme, und es klatschte wie von einem Schlag auf nackte Haut. Laurenz zuckte zurück.
Der Fremde mit dem Habichtsgesicht! Tiefes Bedauern erfüllte Laurenz: Die Schwarzkutte war ihm zuvorgekommen
„Hier bin ich“, sagte eine Frauenstimme hinter ihm. Er fuhr herum – die Hofdame, nackt. Silbrige Locken glänzten in ihrem Schamhaar. „Kommt, Hochwürden.“ Sie lief zu ihm, zog ihn mit sich und auf eines der beiden freien Betten. Laurenz wünschte, sie hätte ihn nicht gar so laut „Hochwürden“ genannt.
Die Frau riss erst den Vorhang vor das Bett, und dann Laurenz das Hüfttuch vom Leib. Hatte sie seinen Händedruck missverstanden? Offenbar. Schon kniete sie vor ihm und schlang ihm die Arme um den Hals, küsste ihm Wangen und Mund, hauchte: „Nenn mich Maria.“ Sie presste ihre Lippen auf seinen Mund, und sogleich drang ihre Zunge in ihn ein. Hatte sie es denn so eilig?
Kaum gelang es ihm, sich von ihrem Mund zu lösen. „‚Johann’“. So hieß er mit zweitem Namen.“ Sofort hing sie wieder an seinen Lippen. Er streichelte ihren Rücken und ihren Hintern. Der fühlte sich ein wenig schlaff an. Laurenz dachte an das Mädchen zwei Betten weiter. Die Enttäuschung brannte hinter seinem Brustbein. Maria griff ihm ins Gemächt – auch daselbst ging es noch eher schlaff zu.
Sie knetete und rieb. Laurenz beschwor den nackten Leib der weizenblonden Magd vor sein inneres Auge, und endlich schwoll es mächtiger in Marias Faust. Sie rieb ihren welken Busen an seiner Brust, zog ihn schließlich mit sich in die Decken hinunter.
Ein spitzer Schrei von einem anderen Bett ließ ihn zusammenfahren …

«zurück