Die Hure und der Spielmann (Leseprobe)

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Prag, September 1618
Im gestreckten Galopp preschten die Brüder den Hügel hinauf, immer noch Seite an Seite. Ihre Pferde blähten die Nüstern, zerhämmerten den Boden unter ihren rasenden Hufen, und Fontänen aus Gras und Erde spritzten hinter ihnen auf. Keiner der beiden Jungen wollte dem anderen auch nur eine Handbreite Vorsprung gönnen. Hinter der Hügelkuppe sah man schon die Turmspitzen der Prager Burg, und wer zuerst in der Flussniederung jenseits der Hügelkette durch den steinernen Torbogen des väterlichen Gestüts ritt, der sollte Sieger sein. Darum ging es, Sieger zu werden, und um sonst gar nichts.
Tonda behielt die triefenden Nüstern des anderen Pferdes im Auge. Strähnen seines schwarzen Haares vermischten sich mit der grauen Mähne seines eigenen Tieres. Er wusste, wer das schnellere Pferd ritt, doch er wusste auch, wer der bessere Reiter war. Zoll für Zoll rückte die Gebissstange seines Hengstes an den geblähten Nüstern des Schimmels vorbei, der seinen jüngeren Bruder trug.
Jan, nun zum Greifen nahe neben ihm, richtete sich in den Steigbügeln seiner jungen schneeweißen Stute auf. Allen Knechten im Gestüt des Freiherrn und Ritters von Waldau galt das spanische Pferd als pfeilschnell, auch dem Vater selbst. Engelchen hatte Jan es getauft. „Schneller! Wirst du wohl laufen!“ Das blonde Haar des Jüngeren flatterte im Wind, sein rundes Gesicht glänzte rötlich. „Wirst du wohl laufen, wirst du wohl …!“ Er schrie und schlug mit der Reitpeitsche auf die Hinterflanke der Stute ein.
„Gut so, Sultan, gut …“ Tonda beugte sich noch tiefer über die Mähne seines dürren, grauen Hengstes. Auf dessen Rücken war schon Tondas leiblichem Vater die Flucht aus osmanischer Kriegsgefangenschaft geglückt. „Du kriegst ihn, Sultan“, zischte er dem Tier ins Ohr. „Du bist der Sieger …“ Seit er laufen konnte, ritt Tonda den Hengst. Der war zwei Jahre älter als er selbst, doch immer noch ein zähes, ausdauerndes Reittier, auch wenn man ihm seine achtzehn Jahre inzwischen anmerkte.
Sie erreichten die Hügelkuppe. Tonda galoppierte weiterhin dicht neben der weißen Stute seines Bruders, doch schon auf Höhe ihrer Mähne, und sein Vorsprung wuchs langsam aber stetig. Er hörte Jan hinter sich die grässlichsten Flüche ausstoßen, hörte seine Peitsche in immer kürzeren Abständen auf die Flanke der armen Schimmelstute klatschen. Sein Bruder wusste ja, was ihm blühte, wenn sie die Kuppe hinter sich hatten: Ging es erst einmal hangabwärts, gehörte das Feld dem erfahreneren Pferd und dem besseren Reiter. Jan schrie sich heiser – wie immer, wenn der Zorn ihn packte.
Der Hradschin mit der Prager Burg füllte jetzt den halben Horizont aus, dahinter der Weiße Berg, und unter Burg und Hradschin sah man Moldau, Karlsbrücke und Stadt. Auch die Koppeln und Stallungen des Gestüts erkannte man schon zwischen dem Flusswald und der Wehrmauer der Alten Stadt.
Plötzlich ging ein Ruck durch Tondas Grauen, das Tier wich zur Seite aus, und Tondas rechtes Bein geriet zwischen Jans Stute und sein eigenes Pferd.
Er hob den Kopf, spähte hinter sich, der eigene Haarschleier verdeckte ihm halb die Sicht, doch dass Jan sich samt Pferd erneut gegen ihn und den Grauen warf, entging ihm nicht. Der Überraschungsangriff verschaffte dem jüngeren Bruder einen kleinen Vorsprung, denn natürlich geriet Sultan aus dem Rhythmus seines fliegenden Galopps, und Tempo verlor er sowieso.
„Betrüger!“ Tonda wehrte den Peitschenstiel ab, mit dem Jan ihm die Zügel aus der Rechten reißen wollte. „Schinder! Spitzbube! Sau!“
Jan lachte sein wildes, grimmiges Lachen, zog vorbei, setzte sich vor ihn. „Na warte …“ Tonda ließ die Zügel locker, legte sich in die Mähne des Grauen. „Wir kriegen sie wieder, Sultan, wir kriegen sie wieder, die Schindersau …!“
Jan hielt auf die alten Eichen zu, die kurz vor der Hügelkuppe seit Jahrhunderten dem Ostwind trotzten; er stand schon wieder in den Steigbügeln, schlug schon wieder auf die Schimmelstute ein. Nützen tat es ihm gar nichts – Tonda ritt nur zwei Pferdelängen hinter ihm und holte schon wieder auf.
Dann erreichten sie die Eichen. Jan fegte unter der Krone der ersten hindurch und streckte den Arm über den Kopf ins Geäst. Zu spät durchschaute Tonda die nächste Finte des Bruders, zu spät duckte er sich weg: Der von Jan mitgerissene Ast schnellte zurück und traf seinen Kopf. Er fluchte, schrie seinem lachenden Bruder die übelsten Schimpfworte hinterher.
Dann kam das Gefälle. Das väterliche Gestüt rückte rasch näher, und damit das Ziel – der steinerne Torbogen vor dem Hof. Etwa dreihundert Fuß davor dehnte die Obstplantage sich aus. Tonda holte auf, Sultan schob sich an die weiße Stute heran, galoppierte schließlich an seinem Bruder vorbei. Und jetzt war es Tonda, der lachte.
Bald blieb auch schon der Hang hinter Tonda zurück. Vor ihm jetzt nur noch die Obstplantage – er riss am Zügel, trieb den Grauen an ihrer Rückseite entlang, um sie zu umreiten. Apfelbäume flogen an ihm vorbei, Birnenbäume, Pflaumenbäume. Schon rückte ihre Vorderseite mit der Pfirsichschonung in sein Blickfeld. Wo blieb er denn, der wilde Jan?
Er blickte hinter sich und erschrak: Sein Bruder nahm die Abkürzung durch den Obstgarten! Der Vater hatte das streng verboten. Wie ein Haken schlagender Hase jagten Jan und seine Stute zwischen den Obstbäumen dahin, schon näherten Ross und Reiter sich den Pfirsichsetzlingen.
„Schneller, Sultan!“ Tonda bückte sich tiefer über die Mähne des Grauen, hieb ihm die Stiefelabsätze in die Flanken, wollte unbedingt vor seinem Bruder den Torbogen erreichen. Kaum noch zweihundert Fuß entfernt wölbte der sich aus der roten Ziegelmauer heraus. Ein Reiter preschte auf einmal aus dem Hof des Gestüts und unter dem Steinbogen hindurch.
Tonda erschrak schon wieder: der Vater!
Er richtete sich im Sattel auf, straffte die Zügel. Jan hatte die Pfirsichschonung längst hinter sich gelassen, sah jetzt erst den herangaloppierenden Vater und hielt seine Stute an.
Der Vater schlug mit der Peitsche nach ihm, als er an ihm vorbeiritt. Bei den Pfirsichen angekommen sprang er aus dem Sattel und rannte zwischen die Setzlinge. Tonda hörte ihn schimpfen, lenkte Sultan zum Torbogen, wollte ins Gestüt traben, als gingen Stiefvater und Bruder ihn nichts an. Dabei schlug das Herz ihm bis zum Halse – das Gewissen, die Angst; er wusste doch, was jetzt kommen würde.
„Antonín! Antonín!“, hörte er den Ritter von Waldau auch schon schreien. „Her zu mir! Her zu mir!“ Tonda spürte, wie seine Brust sich mit Stein füllte, lenkte sein Pferd herum, trabte zurück. Der Vater stand bereits vor Jans Stute, kommandierte den Bruder aus dem Sattel und verpasste ihm links und rechts zwei Ohrfeigen. Danach deutete er Richtung Gestüt. „In den Stall mit dir! Ausmisten!“
Jan schwang sich in den Sattel und sah zu, dass er seinen Vater hinter sich ließ. Sein Gesicht war hochrot, als er an Tonda vorbeiritt, und sein Blick starr auf den Torbogen gerichtet. Auch er wusste, dass es heute keinen Sieger geben würde.
„Zu mir herunter!“, brüllte der Ritter von Waldau. Tonda gehorchte, stieg vom Pferd. Der Ritter von Waldau war ein blonder, kräftig gebauter Mann, zwei Köpfe größer als Tonda. Gleich sein erster Fausthieb schleuderte ihn ins Gras. „Zwei Setzlinge kaputt!“, brüllte der Ritter. „Verfluchter Bastard!“ Breitbeinig stand er über Tonda und prügelte abwechseln mit einem abgebrochenen Pfirsichbäumchen und der Reitpeitsche auf ihn ein. „Ich werde dich lehren, die Gebote deines Vaters zu achten, verfluchter Bastard!“ Das und Schlimmeres bellte er heraus und prügelte im Rhythmus seines Gebells, bis das Stämmchen zerbrach.
Tonda gab keinen Ton von sich, wehrte sich auch nicht. Lag einfach nur im Gras, krümmte sich und schützte Kopf und Gesicht mit den Armen, so gut es eben ging. Sich verteidigen? Darauf hinweisen, dass doch nur der Bruder durch die Plantage geritten war? Beim gütigen Gott im Himmel! Still liegen und sich hart machen – etwas anderes kam überhaupt nicht in Frage. Sich schützen, und ja kein Widerwort – das war das Sicherste bei solchen Attacken.
„Aufs Pferd, in den Stall!“, befahl sein Vater als es vorbei war. „Und danach zu mir in den Hof! Übungen! Schwertkampf!“
Tonda stand auf, wischte sich das Blut vom Mund. Er zitterte, er schluchzte, hatte gar nicht gemerkt, dass er weinte.
Der Vater saß bereits wieder kerzengerade auf seinem Rotfuchs. „Wirst du wohl aufhören zu heulen! Weibischer Kerl! Die Papisten sind schon auf dem Weg an die Moldau. Wollen uns Stadt und Bekenntnis rauben. Da brauchen wir Männer und keine weibischen Flenner. Komm schon! Mist und Schwert warten auf dich.“ Er hieb seinem Fuchs die Sporen in die Flanken und ritt zurück ins Gestüt.
Tonda stand zitternd, wischte sich Blut und Tränen aus dem Gesicht. Sein Rücken brannte, sein rechter Ellenbogen fühlte sich taub an. Ratlos blickte er dem Stiefvater hinterher. Dessen Gebrüll gellte ihm noch in den Ohren – Bastard! Weibischer Flenner! Wie von bleiernen Gewichten zog es ihm die Schultern herab.
Was musste er doch für ein schlechter Sohn sein, wenn man ihn dermaßen zu züchtigen hatte. Und das wieder und wieder. Er spuckte Blut aus, sein Atem bebte. Nur einen Wimpernschlag lang flammte Hass in ihm auf, Hass auf den Ritter. Schnell weg damit! Zurück in die tiefsten Abgründe der Seele! Bewies denn nicht auch er seine Schlechtigkeit, dieser Hass?
Tonda stakste zum Grauen, wankte und schwankte unter unsichtbarer Last, drückte dem Tier das nasse Gesicht an den Hals, umarmte es und weinte ein wenig. „Lieber Sultan“, schluchzte er, „lieber, lieber Sultan …“ Der Hengst wandte den Schädel und schnaubte. Aus osmanischer Gefangenschaft hatte er den Vater getragen. Vor langer Zeit. Tonda stieg in den Sattel. Er trabte als Letzter durch den Torbogen.

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