Der „master of war“ und sein Poet – Jimmy Carter lobt Bob Dylan

Herbert und ich sind heute Abend mal wieder die ersten am Stammtisch. „Bob Dylan hat einen Preis gekriegt, hast du’s gelesen?“ Ich schieb mein Bier zur Seite und dreh’ die Zeitung so, dass Herbert Schlagzeile und Foto sehen kann. Der löffelt ungerührt Zucker in seinen Espresso. „Irgendeinen Grammy“, sag ich. „Und weißt du, wer die Preisrede gehalten hat? Jimmy Carter.“

„Und was hat er gesagt?“

„Dass Dylans Worte über Frieden und …“ Ich dreh die Zeitung wieder um und lese vor. „Dass Bob Dylans Worte über Frieden und Menschenrechte weit prägender, machtvoller und bleibender seien, als alles, was von amerikanischen Präsidenten je zu diesen Themen kam.“ Ich strahle zu Herbert hinüber. „Super, oder? Ich meine: Bob Dylan! Hör mal, Herbert!“

„Ja, ganz hübsch.“ Herbert rührt in seinem Espresso herum. „Aber kein Kunststück.“

„So ’ne Rede?“

„Bleibendere und prägendere Worte zum Thema Frieden zu machen, als US-Präsidenten.“

„Hör’ mal, Herbert, der Carter, Jimmy war immerhin selbst mal US-Präsident. Und Friedensnobelpreisträger isser außerdem!“

„Weiß schon.“ Herbert nippt an seinem Espresso. „Wie der Friedensnobelpreiskollege Kissinger, Henry, Ex-US-Außenminister. Die Welt verdankt ihm Pinochet und seine Folterknechte.“ Er winkt dem Wirt. „Auf einer Party hat er mal damit geprahlt, dass manche Leute ihn einen Kriegsverbrecher schimpfen.“ Er reicht dem Wirt die Tasse mit dem angeschlürften Espresso. „Is lauwarm, Achim. Mach mal heiß.“

„Bist und bleibst ein miesepetriger linker Vogel, Herbert.“ Ich falte die Zeitung zusammen, trinke einen Schluck Bier. „Hast ja keine Ahnung, unter was für Sachzwängen so ein Realpolitiker steht.“

„Aber du, was?“ Der Herbert nimmt ein neues Tässchen mit dampfendem Espresso entgegen. Statt sich beim Wirt zu bedanken, beugt er sich über den halben Tisch und guckt mich an wie ein Racheengel. „Dem amtierenden US-Präsidenten haben sie den Friedensnobelpreis hinterher geschmissen, als er gerade Krieg führte!“ Richtig laut wird der Herbert auf einmal. „Und was verdankt die Welt dem Obama, Barack? Morddrohnen, ein unsterbliches Guantanamo, und die Verfolgung von Leuten, die US-Staats- und Kriegsverbrechen enthüllt haben.“

Grabesstille plötzlich in der Kneipe. Täusch’ ich mich, oder gaffen alle zu mir und Herbert herüber? „Stimmt schon wieder was nicht mit dem Espresso?“, fragt der Wirt in die Stille hinein.

„Alles bestens, Achim!“ Herbert lehnt sich zurück und schüttet Zucker in die dampfende Brühe. „Ich spreche von Snowden und Mannings, falls dir die Namen was sagen.“

Der Herbert nervt manchmal, wirklich wahr. Ich leere mein Glas und ordere noch ein Pils. „Du kannst ganz schön destruktiv sein, Herbert, mal ehrlich.“

„’Destruktiv’ …“ Herbert rührt seinen Espresso um und grinst. „Dann  schlag mich doch für das Friedensdingens vor.” Seine Stimmung steigt merklich. „Hat er eigentlich geantwortet, der Dylan?“

„Bedankt hat er sich.“ Der Wirt bringt mein Bier, bleibt am Tisch stehen, beäugt den Herbert.

„Ist halt ein artiger Junge inzwischen,“ sagt der Herbert. „Früher hätte er die Gitarre genommen und dem Carter, Jimmy sein Liedchen von den ‚masters of war’ gezwitschert. Man hat schließlich nicht alle Tage einen leibhaftigen Kriegsherrn im Publikum.“

„’Masters of‘ …?“ Ich halt mich an meinem frischen Pils fest.

„… of war’, fünfzig Jahre her. Kennste doch! Am Schluss des Songs singt Dylan: ‚Ich bleibe bei euerm Grab stehen, bis ich ganz sicher sein kann, dass ihr wirklich tot seid’.“ Er lacht irgendwie hämisch. „Aber wie gesagt: fünfzig Jahre her.“ Endlich trinkt er seinen Espresso.

Dem Wirt passt was nicht. „Es reicht jetzt, Herbert.“ Bei Bob Dylan hört für Achim der Spaß auf. „Noch ein Wort gegen Dylan und du fliegst raus.“

„Schon okay, Achim, nur das noch.“ Er dreht sich zu den gaffenden Leuten um und ruft in die Kneipe: „Der alte Dylan scheint sich allmählich in ein Denkmal zu verwandeln! Taugt bald nur noch zum Fotografieren und für die Tauben zum Draufscheißen …“

„Raus!“, schreit der Achim.

„… und für den Kulturteil der Zeitung halt.“

6. März, 2015

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